Der einunddreißigste Newsletter (2025)

Liebe Freund*innen,
Grüße aus dem Büro von Tricontinental: Institute for Social Research.
Menschen, die nicht direkt in Kriegsgebieten oder unterdrückten Ländern leben, sind gezwungen, so zu tun, als sei an dem, was um sie herum geschieht, nichts Ungewöhnliches. Wenn wir über Krieg lesen, scheint dieser weit entfernt von unserem Leben, und viele von uns möchten nichts mehr über das menschliche Leid hören, das durch Waffen oder Sanktionen verursacht wird. Die Scholastik der Akademiker*innen und die gedämpften Stimmen der Diplomat*innen verstummen, während Bomben und Banken den Planeten verwüsten. Nachdem US-Präsident Harry S. Truman den Abwurf der Atombombe auf Hiroshima (Japan) am 6. August 1945 genehmigt hatte, verkündete er im Radio: «Wenn sie [die Japaner*innen] unsere Bedingungen jetzt nicht akzeptieren, können sie mit einem Regen der Zerstörung aus der Luft rechnen, wie ihn die Welt noch nie gesehen hat.»
Truman rechtfertigte den Einsatz dieser schrecklichen Waffe mit der falschen Behauptung, Hiroshima sei eine Militärbasis. Er verschwieg jedoch, dass seine Bombe – bekannt als «Little Boy» – eine große Zahl an Zivilist*innen tötete. Nach Angaben der Stadt Hiroshima «ist die genaue Zahl der Todesopfer durch den Atombombenabwurf noch immer unbekannt. Schätzungen gehen davon aus, dass bis Ende Dezember 1945, als die akuten Auswirkungen der Strahlenvergiftung weitgehend abgeklungen waren, etwa 140.000 Menschen tot waren». Die Gesamtbevölkerung von Hiroshima betrug zu diesem Zeitpunkt 350.000 Einwohner, was bedeutet, dass 40 % der Stadtbevölkerung innerhalb von fünf Monaten nach der Explosion starben. Der «Regen der Zerstörung» war bereits über sie hereingebrochen.

The Lancet, eines der renommiertesten Magazine für Gesundheit und Medizin, veröffentlichte einen Artikel von Francisco Rodríguez, Silvio Rendón und Mark Weisbrot mit dem extrem wissenschaftlichen Titel: «Effects of international sanctions on age-specific mortality: a cross-national panel data analysis» («Auswirkungen internationaler Sanktionen auf die altersspezifische Sterblichkeit: eine länderübergreifende Panel-Datenanalyse»). Diese Wissenschaftler*innen haben die Auswirkungen von Sanktionen untersucht, die hauptsächlich von den Vereinigten Staaten, der Europäischen Union und den Vereinten Nationen (UN) verhängt wurden. Obwohl diese Maßnahmen oft als «internationale Sanktionen» bezeichnet werden, haben sie in Wirklichkeit nichts Internationales an sich. Die meisten Sanktionen werden außerhalb des Geltungsbereichs der UN-Charta verhängt, deren Kapitel 5 vorsieht, dass solche Maßnahmen nur durch eine Resolution des UN-Sicherheitsrats beschlossen werden können. Das ist nur selten der Fall, meistens verhängen mächtige Staaten – vor allem die Vereinigten Staaten und Mitglieder der Europäischen Union – illegale, einseitige Sanktionen gegen Länder, die weit über die Grenzen der Menschlichkeit hinausgehen.
Laut der Global Sanctions Database haben die Vereinigten Staaten, die Europäische Union und die UNO 25 % der Länder der Welt mit Sanktionen belegt. Die Vereinigten Staaten allein haben 40 % dieser Länder mit Sanktionen belegt, die einseitig sind, da sie nicht durch eine Resolution des UN-Sicherheitsrats gebilligt wurden. In den 1960er Jahren standen nur 8 % der Länder der Welt unter Sanktionen. Diese Inflation von Sanktionen zeigt, dass es für die mächtigen nordatlantischen Staaten zur Normalität geworden ist, Kriege zu führen, ohne einen Schuss abzufeuern. Wie US-Präsident Woodrow Wilson 1919 bei der Gründung des Völkerbundes sagte, sind Sanktionen «etwas Schrecklicheres als Krieg». den Vereinigten Staaten, einen Neuen Kalten Krieg gegen China, indem er militärischen und wirtschaftlichen Druck ausübt, um dessen technologische und industrielle Fortschritte einzudämmen.

Die grausamste Formulierung von Wilsons Idee stammt von Madeleine Albright, der damaligen US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen, in Bezug auf die US-Sanktionen gegen den Irak in den 1990er Jahren. Ein renommiertes Team von Spezialist*innen des Centre for Economic and Social Rights reiste in den Irak und analysierte die Daten. Dabei stellte es fest, dass die Sanktionen zwischen 1990 und 1996 zum «übermäßigen Tod von mehr als 500.000 Kindern unter fünf Jahren» geführt hatten. Einfach ausgedrückt sind mehr irakische Kinder infolge der Sanktionen gestorben als durch die beiden Atombomben auf Japan und die ethnischen Säuberungen im ehemaligen Jugoslawien zusammen. In der CBS-Fernsehsendung «60 Minutes» befragte die Journalistin Leslie Stahl Albright zu dieser Studie und sagte: «Wir haben gehört, dass eine halbe Million Kinder gestorben sind. Das sind mehr Kinder als in Hiroshima ums Leben gekommen sind. Ist dieser Preis es wert?» Das war eine aufrichtige Frage. Albright hätte vieles sagen können: Sie hätte sagen können, dass sie noch keine Zeit gehabt habe, den Bericht zu studieren, oder sie hätte die Schuld auf die Politik von Saddam Hussein schieben können. Stattdessen antwortete sie: «Ich denke, dass es eine sehr schwere Entscheidung ist, aber wir glauben, dass es den Preis wert ist.»
Mit anderen Worten: Es war es wert, eine halbe Million Kinder zu töten, um die irakische Regierung unter Saddam Hussein zu destabilisieren. Natürlich stürzten die Sanktionen die Regierung nicht. Stattdessen litt die Bevölkerung weitere sieben Jahre lang, für die es keine vergleichbare Studie zu übermäßigen Todesfällen gibt. Es bedurfte der massiven illegalen Invasion der USA, um die irakische Regierung zu stürzen (illegal, weil es keine Resolution des UN-Sicherheitsrats gab). Um fair gegenüber Albright zu sein – sie sagte später: «Ich habe 5.000 Mal gesagt, dass ich es bereue. Es war eine dumme Aussage. Ich hätte sie nie machen dürfen.» Aber sie hat sie gemacht. Und das hat Spuren hinterlassen.

Diejenigen, die durch Sanktionen Leid verursachen, wissen genau, was sie tun. Albright sagte, ihre Aussage sei «dumm» gewesen, aber sie sagte nicht, dass die Politik falsch sei. Im Jahr 2019 fragte Matt Lee von Associated Press den US-Außenminister Mike Pompeo nach den Sanktionen gegen Venezuela, worauf dieser antwortete: «Wir wünschen uns immer, dass die Dinge schneller vorangehen könnten … Der Kreis zieht sich immer enger zusammen. Die humanitäre Krise verschärft sich von Stunde zu Stunde. … Man kann sehen, wie die Schmerzen und das Leid des venezolanischen Volkes zunehmen.» Pompeos Aussage ist symbolisch und richtig: Die illegalen Sanktionen verursachen Schmerzen und Leid.
Was zeigt also die neue Studie von The Lancet über internationale Sanktionen?
- Von 1971 bis 2021 waren einseitige Sanktionen die Todesursache für 564.258 Menschen pro Jahr.
- Die Zahl der Menschen, die aufgrund von Sanktionen sterben, ist größer als die Zahl der Kriegsopfer (106.000 Todesfälle pro Jahr) «und einigen Schätzungen zufolge ähnlich hoch der Gesamtzahl der Kriegstoten einschließlich der zivilen Opfer (etwa eine halbe Million Todesfälle pro Jahr)».
- Die am stärksten gefährdeten Bevölkerungsgruppen sind, wie zu erwarten, Kinder unter fünf Jahren und ältere Menschen. Die Todesfälle von Kindern unter fünf Jahren «machten 51% der Gesamtzahl der durch Sanktionen verursachten Todesfälle im Zeitraum 1970–2021 aus».
- Einseitige Sanktionen der Vereinigten Staaten und der Europäischen Union sind tödlicher als UN-Sanktionen, wobei «die US-Sanktionen offenbar die negativen Auswirkungen auf die Sterblichkeit vorantreiben». Dies liegt daran, dass «einseitige Sanktionen der USA oder der EU so gestaltet werden, dass sie sich negativer auf die Zielbevölkerung auswirken».
- Der Grund dafür, dass US-Sanktionen – zusammen mit denen der EU – solche negativen Auswirkungen haben, liegt in der «weit verbreiteten Verwendung des US-Dollars und des Euro im internationalen Bankverkehr und als globale Reservewährungen sowie in der extraterritorialen Anwendung von Sanktionen, insbesondere durch die USA».
- Die Analyse zeigt, dass «die Auswirkungen von Sanktionen auf die Sterblichkeit im Allgemeinen mit der Zeit zunehmen und länger andauernde Sanktionsphasen zu höheren Todesopferzahlen führen».
Auf der Grundlage dieser Ergebnisse kommt die Studie zu dem Schluss, dass «aus einer rechtsbasierten Perspektive die Beweise dafür, dass Sanktionen zu Todesopfern führen, ein ausreichender Grund sein sollten, um für die Aussetzung ihrer Anwendung einzutreten».

Im März 2025 veröffentlichten wir unser Dossier Imperialist War and Feminist Resistance in the Global South, das sich in erster Linie mit dem Fall Venezuela befasste und die Auswirkungen von Sanktionen beschrieb und wie eine angegriffene Gesellschaft durch die Arbeit von Frauen zusammengehalten wird. Sie wissen, wie sich der «Regen der Zesrtörung» anfühlt, und sie kämpfen dafür, ihre Gesellschaften dagegen zu stärken. Wie wir in unserer FACTS-Analyse gezeigt haben, führten die Sanktionen gegen Venezuela zwischen Januar 2017 und Dezember 2024 zu einem Verlust von 213 % seines Bruttoinlandsprodukts, was einem geschätzten Gesamtverlust von 226 Milliarden Dollar oder 77 Millionen Dollar pro Tag entspricht.
1995, während der Sanktionen gegen den Irak und bevor die Vereinigten Staaten 2003 illegal in dieses Land einmarschierten, schrieb Saadi Youssef (1934–2021) ein wunderbares Gedicht mit dem Titel «Amerika, Amerika». Hier ist die letzte Strophe:
Wir sind keine Geiseln, Amerika,
und deine Soldaten sind nicht Gottes Soldaten ...
Wir sind die Armen, uns gehört die Erde der ertrunkenen Götter,
der Götter der Stiere,
der Götter des Feuers,
der Götter der Trauer, die Lehm und Blut in einem Lied miteinander verflechten ...
Wir sind die Armen, uns gehört der Gott der Armen,
erschaffen aus den Rippen der Bauern,
hungrig
und strahlend,
und den Kopf hoch erhoben ...
Amerika, wir sind die Toten.
Lasst eure Soldaten kommen.
Wer einen Menschen tötet, der soll ihn wieder auferstehen lassen.
Wir sind die Ertrunkenen, liebe Frau.
Wir sind die Ertrunkenen.
Lasst das Wasser kommen.
Herzlichst,
Vijay

