Der zweiunddreißigste Newsletter (2025)

Liebe Freund*innen,
Grüße aus dem Büro von Tricontinental: Institute for Social Research.
Im Juli, wenige Tage nach dem hundertsten Geburtstag von Frantz Fanon, traf ich mich mit seiner Tochter Mireille Fanon Mendès-France zum Mittagessen. Als ich erwähnte, dass Fanon mit nur 39 Jahren so jung gestorben sei, korrigierte mich Mireille: «Nein, mit 36.» Selbst drei weitere Jahre wären ein Geschenk gewesen – für ihn, weil er vielleicht noch andere Arbeiten hätte fertigstellen und mehr Zeit mit seiner Familie verbringen können, und für uns, weil wir vielleicht das Buch hätten, das nach Die Verdammten dieser Erde gekommen wäre – vielleicht eines darüber, wie man ein nationales Projekt aufbaut, das nicht den Fallstricken eines engstirnigen Nationalismus erliegt. Aber dazu sollte es nicht kommen.
Als ich an mein Gespräch mit Mireille und an das Vermächtnis ihres Vaters dachte, bat ich das Team des Tricontinental: Institute for Social Research, mir dabei zu helfen, eine Liste revolutionärer Anführer*innen und Intellektueller zu erstellen, die vor ihrem vierzigsten Geburtstag gestorben sind. Die Namen sprudelten nur so hervor, und ehe ich mich versah, hatte ich mehrere Seiten vor mir, ein digitales Denkmal für Menschen, die wegen ihrer Ansichten ermordet worden waren, angefangen bei Josina Machel (25 Jahre alt) aus Mosambik bis hin zu Che Guevara (39 Jahre alt) aus Kuba. Ich war versucht, eine Kurzfassung der Liste in diesem Newsletter zu veröffentlichen, habe mich aber zurückgehalten. Wie kann man eine Liste kürzen, die ohnehin schon unzureichend ist, da so viele Menschen, Anführer*innen und Intellektuelle an so vielen Orten von den immensen Unterdrückungsstrukturen des imperialistischen Systems ermordet wurden?

Anstatt eine unzureichende Liste zu erstellen, bleiben wir einen Moment bei Fanon, der in seinem kurzen Leben zwei Bücher veröffentlichte: Black Skin, White Masks (Schwarze Haut, weiße Masken) im Jahr 1952 und The Wretched of the Earth (Die Verdammten dieser Erde), 1961, nur wenige Monate vor seinem Tod. Zwei weitere Werke, L’an V de la révolution algérienne (engl. Ausgabe: A Dying Colonialism / deutsche Ausgabe: Aspekte der algerischen Revolution) geschrieben 1959, und Pour la révolution Africaine (dt. Für eine afrikanische Revolution), eine Sammlung von Essays, die zwischen 1952 und 1961 entstanden sind, wurden 1964 posthum veröffentlicht.
Es reicht nicht, dieses Werk zu betrachten und zu sagen, dies ist Fanon, dass das, was er geschaffen hat, und das, was er getan hat – seine psychiatrische Praxis, seine Arbeit für die algerische Befreiungsbewegung – alles ist, was er beigetragen hätte. Wissenschaftler*innen behandeln Fanon als fertiges Werk, aber tatsächlich hatte er seinen Höhepunkt noch nicht einmal erreicht. Die Klarheit der Argumentation in seinem letzten Buch eröffnete neue Forschungsansätze, denen er nach 1961 nachgegangen wäre, wenn sein Leben nicht so früh beendet worden wäre – insbesondere angesichts der bald darauf zutage tretenden Beweise für die internen und externen Beschränkungen, denen postkoloniale Staaten unterworfen waren.
Vor fünf Jahren veröffentlichte Tricontinental: Institute for Social Research ein Dossier über Fanon, The Brightness of Metal («Die Helligkeit des Metalls», März 2020), das eine vorläufige Befürwortung von Fanons Gedanken zur nationalen Befreiung lieferte. Sie ist zwangsweise vorläufig – Fanons Theorie war zum Zeitpunkt seines vorzeitigen Todes unvollständig.
Elemente des Buches, das nach den Verdammten dieser Erde erschienen wäre, finden sich in dem Essay, den Fanon nach der Ermordung des 35-jährigen Patrice Lumumba am 17. Januar 1961 schrieb. Der im Februar 1961 in Afrique Action veröffentlichte Artikel «Lumumba’s Death: Could We Do Otherwise» («Lumumbas Tod: Können wir anders?») lässt sich in einem eindringlichen Absatz zusammenfassen:
Unser Fehler, der Fehler, den wir Afrikaner begangen haben, war, zu vergessen, dass der Feind sich niemals tatsächlich zurückzieht. Er versteht niemals. Er kapituliert, aber er ist nicht bekehrt.
Unser Fehler war, zu glauben, dass der Feind seine Kampfeslust und seine Gefährlichkeit verloren hat. Wenn Lumumba im Weg steht, verschwindet Lumumba. Zögern beim Morden war noch nie ein Merkmal des Imperialismus.
Tatsächlich ist der Imperialismus niemals großzügig oder menschlich.

In seinem Essay über Lumumba erwähnt Fanon zwei weitere Namen, ohne näher auf sie einzugehen: «Schaut euch ben M’hidi an, schaut euch Moumie an, schaut euch Lumumba an».
Mohammed Larbi ben M’hidi (1923–1957) war einer der sechs Gründungsmitglieder der Algerischen Nationalen Befreiungsfront (FLN). Bekannt als «Larbi der Weise», war er Kommandeur der Militärzone Wilaya V in der Region Oran und führte später die FLN in der Schlacht um Algier an. Er wurde im Februar 1957 gefangen genommen, brutal gefoltert und einen Monat später im Alter von dreiunddreißig Jahren hingerichtet. Frankreich wollte diesen aufrechten Algerier nicht dulden.
Félix-Roland Moumié (1925–1960) führte die Union der Völker Kameruns während des gesamten Unabhängigkeitskampfes des Landes, der 1955 ausbrach. Wie in Algerien war die Unterdrückung durch Frankreich in Kamerun teuflisch und führte zur Ermordung von Zehntausenden Menschen bei brutalen Angriffen auf zivile Zentren. Diese Geschichte ist weitgehend in Vergessenheit geraten. Moumié wurde in Genf von einem Mitglied der französischen Sicherheitsdienste ermordet, das ihn mit Thallium vergiftete. Er war fünfunddreißig Jahre alt.
Der Tod von M’hidi, von Moumié und von Lumumba – die Fanon alle persönlich kannte – belegt die Brutalität des Imperialismus. Wenn ein Radikaler am Horizont erscheint, der ein Volk zur Souveränität führen will, dann darf dieser Radikale nicht überleben. Lumumba war ein Radikaler, ein Mann, der «an Afrika verkauft» war, schrieb Fanon, was bedeutete, dass sein Herz für das afrikanische Volk schlug und er sich nicht an den Imperialismus verkauft hatte. Deshalb wurde er getötet.

Belgien, Großbritannien, Frankreich und Portugal verweigerten den friedlichen Rückzug aus ihren afrikanischen Kolonien. Sie wandten alle möglichen Taktiken an, darunter auch solche, die von den Nazis und den Japanern im Zweiten Weltkrieg eingesetzt worden waren und später bei den Nürnberger und Tokioter Prozessen als Kriegsverbrechen verurteilt wurden. Hätte man die Definition dieser Prozesse auf die Kolonialkriege von Algerien bis Kamerun angewendet, wären die militärischen und zivilen Führer dieser europäischen Länder gehängt worden.
So wurde beispielsweise General Tomoyuki Yamashita von der Kaiserlichen Japanischen Armee 1946 gehängt, nachdem das Tokioter Tribunal ihn nach dem Prinzip der Befehlsverantwortung (später bekannt als Yamashita-Standard) für Gräueltaten seiner Truppen gegen Zivilist*innen auf den Philippinen für schuldig befunden hatte. Wäre dieser Standard konsequent angewendet worden, wäre der britische Feldmarschall Gerald Walter Robert Templer wegen seiner Rolle in der Malayan Emergency (1948–1960) gehängt worden, darunter wegen der Einrichtung von Internierungslagern durch die Briten und des Einsatzes von Herbiziden gegen die Bevölkerung, was den späteren Einsatz von Agent Orange durch die USA in Vietnam vorwegnahm.
Nach dem gleichen Maßstab wären die französischen Generäle Jean-Marie Lamberton und Max Briand wegen ihrer Rolle im Krieg in Kamerun (1955–1964) gehängt worden, wo französische Streitkräfte sowohl gegen Aufständische als auch gegen Zivilist*innen mit extremer Brutalität vorgingen, darunter dokumentierte Massaker und Berichte über Enthauptungen als Mittel der psychologischen Kriegsführung.
Aber natürlich starben sie alle mit Orden um den Hals.
Es ist wichtig, daran zu erinnern, dass Frankreich gegen Ende des Krieges am 13. Februar 1960 in Reggane in Algerien, in der Sahara-Wüste, seine Atombombe testete und damit als viertes Land der Welt in den Besitz von Atomwaffen gelangte. Frankreich weigerte sich, dem Vertrag über das Verbot von Kernwaffenversuchen in der Atmosphäre, im Weltraum und unter Wasser von 1963 beizutreten. Algerien erlangte 1962 seine Unabhängigkeit, aber Frankreich behielt einen Fünfjahresvertrag, um die Atomwaffentests in Reggane fortzusetzen, was es bis 1966 auch tat. Danach verlegte Frankreich seine Tests auf die Atolle Fangataufa und Moruroa im Pazifischen Ozean, wo es in den nächsten dreißig Jahren 193 Atomtests durchführte.
Als Frankreich seine Atombomben in Reggane testete, schrieb Fanon in Die Verdammten dieser Erde: «Die buchstäblich astronomischen Summen, die in die militärische Forschung investiert werden, diese Ingenieure, die zu Technikern des Atomkrieges umgeschult werden, könnten innerhalb von fünfzehn Jahren den Lebensstandard der unterentwickelten Länder um 60 Prozent erhöhen.» Er schrieb zwar über die Tests in wirtschaftlicher Hinsicht, hätte aber genauso gut über sie in Bezug auf politische Bedrohungen schreiben können: Wenn Attentate nicht funktionierten, stand Frankreich auch die Atombombe zur Verfügung, um sie gegen seine rebellischen Kolonien einzusetzen.

Fanon traf Lumumba und Moumié im Namen der algerischen Übergangsregierung auf der All-African People’s Conference 1958, die der ghanaische Premierminister Kwame Nkrumah in Accra organisierte. Sie sprachen über die Notwendigkeit nationaler Befreiungskämpfe, darüber, wie man sich am besten vor der Brutalität imperialistischer Kräfte schützen könnte, und darüber, wie sie sich aus den Fängen der neokolonialen Struktur befreien könnten. Fanon interessierte sich für die Schaffung einer Afrikanischen Legion, einer Streitmacht für die Befreiungskriege des Kontinents, die von den Algerier*innen und ihren Verbündeten ausgebildet werden sollte. In seinen Notizen zu diesen Treffen schrieb Fanon über Moumiés Tod:
Ein abstrakter Tod traf den konkretesten, lebendigsten und ungestümsten Mann. Félix’ Tonfall war stets stark: Aggressiv, gewalttätig, voller Wut, verliebt in sein Land, voller Hass auf Feiglinge und Intriganten. Streng, hart, unbestechlich. Ein Bündel revolutionären Geistes, verpackt in sechzig Kilo Muskeln und Knochen.
Diese Sätze über Moumié könnten genauso gut Fanon beschreiben.
Die offizielle Todesursache von Fanon ist eine Bronchialpneumonie, aber das ist nur das, was auf der Sterbeurkunde steht. Ein Mann von derCentral Intelligence Agency, C. Oliver Iselin, war bei seinem Tod anwesend. So läuft das.
Herzlichst,
Vijay

