Der siebenundvierzigste Newsletter (2025)

Liebe Freund*innen,
Grüße aus dem Büro von Tricontinental: Institute for Social Research.
Im Humanitarian Situation Update #340 der Vereinten Nationen zum Gazastreifen (12. November 2025) gibt es einen Abschnitt über das Leid von mehr als einer Million palästinensischer Kinder in Gaza. Die häufigsten Symptome der psychischen Schäden, die in der Lagebestimmung bei Kindern festgestellt wurden, sind «aggressives Verhalten (93 Prozent), Gewalt gegenüber jüngeren Kindern (90 Prozent), Traurigkeit und Rückzug (86 Prozent), Schlafstörungen (79 Prozent) und Schulverweigerung (69 Prozent)». Kinder machen etwa die Hälfte der Bevölkerung in Gaza aus, das Durchschnittsalter liegt bei 19,6 Jahren. Sie werden sehr lange damit zu kämpfen haben, diese Probleme zu überwinden. Ein Ende der schrecklichen Umstände, die Kindern so massiv schaden, nämlich der anhaltende Völkermord und die Besatzung, ist nicht in Sicht.
Kinder sind Angriffen durch die israelischen Streitkräfte ausgesetzt, von denen einige in einem aktuellen Bericht von Defense for Children International dokumentiert wurden. So gingen beispielsweise am 22. Oktober 2025 der 16-jährige Saadi Mohammad Saadi Hasanain und eine Gruppe anderer Kinder zu Saadis zerstörtem Haus, um einige seiner Habseligkeiten und Brennholz zu holen. Israelische Quadcopter eröffneten Feuer auf sie und zwangen die Kinder zur Flucht. Zwei der Jungen konnten dem Angriff entkommen, Saadi und ein weiterer Junge jedoch nicht. Am nächsten Morgen fand Saadis Familie die Leiche des anderen Jungen, mit eingeschlagenem Schädel. Daneben fanden sie Saadis Telefon, seine Schuhe und seine Hose. Saadis Hemd war um den Körper des ermordeten Jungen gebunden. Von Saadi fehlt jede Spur, und seine Familie befürchtet, dass er von israelischen Streitkräften verschleppt wurde.

Mit freundlicher Genehmigung von Utopix.
Unser aktuelles Dossier Despite Everything: Cultural Resistance for a Free Palestine («Trotz alledem: Kultureller Widerstand für ein freies Palästina») enthält den eindringlichen Satz des 18-jährigen Künstlers Ibraheem Mohana aus Gaza, der während des Völkermords erwachsen wurde: «Sie haben den Krieg begonnen, um unsere Hoffnungen zu zerstören, aber das werden wir nicht zulassen.» Wir werden das nicht zulassen. Diese Weigerung ist eine starke Haltung.
Der Titel des Dossiers beruht auf den Worte des palästinensischen Schauspielers und Filmemachers Mohammad Bakri – trotz alledem, und dazu gehört auch der Völkermord, wird die palästinensische Kultur bestehen bleiben und gedeihen. Nicht nur wird die palästinensische Kultur den Genozid überstehen, sondern es sind die kulturellen Ressourcen des Volkes, die dabei helfen werden, die Kinder zu heilen und ihnen einen Weg zurück zu einem gewissen Maß an geistiger Gesundheit zu ebnen. Kunst ist ein sicherer Zufluchtsort, eine Praxis, die einem Volk ermöglicht, ein Trauma zu bewältigen, das sich nicht ins kollektive Leben integrieren lässt. Und schließlich ist das Trauma, das Palästinenser*innen erleben, kein einzelnes Ereignis, sondern eine Aneinanderreihung von Traumata, eine umfassende schreckliche Lebensrealität. Das palästinensische Leben ist von Trauma geprägt. Kunst ist hier ein Zufluchtsort. Kein Wunder also, dass so viele Kinder, die Krieg und die damit verbundenen körperlichen und seelischen Qualen überleben, durch künstlerischen Ausdruck und Therapie einen gewissen Grad an Heilung finden können.

Mit freundlicher Genehmigung von Utopix.
Vor einigen Jahren kam ich in Palästina mit einigen Künstler*innen ins Gespräch über die Rolle von Kunst für ein Volk, das für seine Freiheit kämpft. Das Hauptthema unserer Diskussion war, ob sich alle palästinensische Kunst mit der Besatzung befassen sollte oder auch andere Themen behandeln könnte. Wir waren uns einig, dass Palästinenser*innen weder verpflichtet sind, sich gegenüber denjenigen, die an der Besatzung beteiligt sind, zu humanisieren, noch ausschließlich Kunst über die Besatzung zu schaffen. «Warum kann ein Künstler nicht zu seinem eigenen Vergnügen oder für diejenigen arbeiten, die sich an Kunst erfreuen, oder um zu zeigen, dass wir trotz der Vernichtung überleben können?», fragte Omar, ein junger Künstler aus Jenin.
Kunst kann eine Weigerung sein, ausgelöscht zu werden, ein Zeugnis gegen imperialistische Narrative und ein Beitrag, das historische Gedächtnis lebendig zu halten. «Was auch immer ich zu meinem Schutz einsetzen kann – Pinsel, Stift, Waffe – sind Werkzeuge der Selbstverteidigung», schrieb der ermordete palästinensische Schriftsteller und Sprecher der Volksfront für die Befreiung Palästinas, Ghassan Kanafani. Palästinensische Künstler*innen wiesen darauf hin, dass Südafrikaner*innen im Zuge des Kampfes gegen die Apartheid Wandmalereien, Musik, Gedichte und Theaterstücke schufen (wie wir auch in unserem Dossier über das Medu Art Ensemble dokumentiert haben). Die Spuren des Kampfes für die Menschenwürde sind nicht nur auf den Schlachtfeldern der nationalen Befreiung zu finden, sondern ebenso in den Herzen der Menschen, die nach Freiheit streben, auch wenn andere ihnen dieses Recht verweigern. Der Kampf der Unterdrückten um ihre Freiheit ist ein Kampf um die Belebung kultureller Ressourcen zu einer eigenen demokratischen Kraft.

Mit freundlicher Genehmigung von Artists Against Apartheid.
Hanan Wakeem, Leadsängerin der Band Darbet Shams («Sonnenstich»), erzählte Tings Chak in einem Interview für das Dossier, dass sie und andere Palästinenser*innen in den ersten Monaten des Völkermords «in totaler Schockstarre verharrten. Viele Künstler*innen konnten weder singen noch sich rühren oder kreativ sein». «Es gab ständig Fragen zur Rolle der Kunst in Zeiten des Völkermords», fügte sie hinzu. «Ist es überhaupt angemessen, Musik zu machen? Wenn das Lied nicht vom Krieg handelt, sollte es dann überhaupt gehört werden?» Solche Fragen bleiben bestehen und wiederholen sich, wenn Raum und Zeit in einem Völkermord zerfallen.
Kurz vor Beginn des Völkermords veröffentlichte Darbet Shams ein Lied mit dem Titel «Raqsa» (رَقْصة), was «Tanz» bedeutet. Der Text ist wunderbar:
Füße, in der Erde verwurzelt,
ein Kopf, zu den Sternen erhoben .
Augen, die Trauer zum Schwanken bringen,
ein Herz, vom Sonnenlicht gezeichnet .
Wir leben von dem Atem, der uns erhält,
um verblasste Wege wieder zu erhellen.
Ein Gedanke, geformt vom Blick der Menschen,
ein Lächeln, das seine Trauer verbirgt.
Es rührt die Geschichte, die in uns lebt,
und füllt sie mit Helden.
Wir hauchen der Erde eine Melodie ein
und gestalten eine Heimat, die widerspiegelt, wer wir sind.
Ich dachte an dieses Lied, als ich das Dossier las, und daran, wie kraftvoll poetisch und politisch es nach wie vor ist – sogar in seiner Vorwegnahme eines Völkermords, der seit 1948 der permanente Zustand des palästinensischen Volkes zu sein scheint.

Seit dem 7. Oktober 2023 fallen israelische Bomben auf Orte der sozialen Reproduktion der Palästinenser*innen (Bäckereien, Fischerboote, landwirtschaftliche Felder, Häuser, Krankenhäuser) und Institutionen des palästinensischen Kulturlebens (Universitäten, Galerien, Moscheen und Bibliotheken). Eine dieser Einrichtungen ist die öffentliche Edward-Said-Bibliothek im Norden Gazas, die täglich Dutzende von Besucher*innen anzog. Der Dichter Mosab Abu Toha gründete die Bibliothek im Jahr 2017 und began 2019, Geld für eine zweite Zweigstelle in Gaza-Stadt zu sammeln, die auch über einen Computerraum verfügte.
Im November 2023 bombardierten die Israelis die Stadtbibliothek von Gaza. In den folgenden Monaten bombardierten sie auch die öffentlichen Universitäten von Gaza und zerstörten die Bibliotheken dort. Bis April 2024 waren dreizehn öffentliche Bibliotheken ausgelöscht worden. Die Zerstörung der Bibliotheken in Gaza führte zur Gründung der Organisation «Librarians and Archivists with Palestine», die die Zerstörung dokumentierte. Einige Monate später bombardierten die Israelis die Edward-Said-Bibliothek und zerstörten sie vollständig. In seiner Erklärung schrieb Abu Toha: «Alle Träume, die ich und meine Freunde in Gaza und im Ausland für unsere Kinder hatten, wurden durch Israels Völkermord zerstört, der zum Ziel hat, Gaza und alles, was Leben und Liebe atmet, auszulöschen.
Als wir das Dossier «Die Freude am Lesen» über öffentliche Bibliotheken in Kerala (Indien), China und Mexiko schrieben, dachten wir an ähnliche Bibliotheken in Gaza, von denen viele von Freiwilligen aufgebaut und betrieben werden. Israels Angriffe auf öffentliche Bibliotheken sind kein Zufall: Sie zerstören Räume, die das kollektive Leben retten, kritisches Denken, den Stolz auf das palästinensische Erbe und ein Bewusstsein fördern, das das Selbstvertrauen gibt, von der Zukunft zu träumen. Wie Paloma Saiz Tejero von der Brigade to Read in Freedom uns für dieses Dossier sagte: «Bücher ermöglichen es uns, den Grund zu verstehen, der unser Wesen, unsere Geschichte ausmacht; sie schärfen unser Bewusstsein, erweitern es über die Grenzen hinaus und vergrößern den Raum und die Zeit, die unsere Vergangenheit und Gegenwart prägen. … Dank Büchern lernen wir, an das Unmögliche zu glauben, dem Offensichtlichen zu misstrauen, unsere Rechte als Bürger*innen einzufordern und unsere Pflichten zu erfüllen.» Die Besatzungsmacht will nicht, dass das palästinensische Volk an das Unmögliche glaubt; genauso wie sie darauf aus ist, die Häuser, Krankenhäuser und Leben zu zerstören, will sie auch die Fähigkeit zu träumen zerstören.

Mit freundlicher Genehmigung von Utopix und Artists Against Apartheid.
Abu Toha baute die Edward-Said-Bibliothek nach dem 51-tägigen Bombardement von Gaza im Jahr 2014. Während des Bombardements schrieb der Dichter Khaled Juma eine der vielleicht eindringlichsten Elegien für das Überleben der Palästinenser*innen:
Oh, ihr schelmischen Kinder von Gaza.
Ihr, die ihr mich ständig mit eurem Geschrei unter meinem Fenster gestört habt,
Ihr, die ihr jeden Morgen mit Hektik und Chaos erfüllt habt,
Ihr, die ihr meine Vase zerbrochen und die einsame Blume auf meinem Balkon gestohlen habt,
Kommt zurück –
Und schreit, wie ihr wollt,
Und zerbrecht alle Vasen,
Stehlt alle Blumen.
Kommt zurück.
Kommt einfach zurück.
Kommt einfach zurück.
Herzlichst,
Vijay

