Der achtundvierzigste Newsletter (2025)

Liebe Freund*innen,
Grüße aus dem Büro von Tricontinental: Institute for Social Research.
Am 13. November haben wir auf dem Global South Academic Forum in Shanghai, China, unsere neueste Studie vorgestellt: The 80th Anniversary of the Victory in the World Anti-Fascist War – Understanding Who Saved Humanity: A Restorationist History («Der 80. Jahrestag des Sieges im weltweiten antifaschistischen Krieg – Wer wirklich die Menschheit rettete: Eine restaurative Geschichte»). Eine überarbeitete Fassung meiner dort gehaltenen Keynote-Rede «Zwei Lügen und eine gewaltige Wahrheit» ist hier wiedergegeben.

Anfang August 1942 brachten die Sowjets Lautsprecher in ganz Leningrad an. Die Stadt war seit über 300 Tagen belagert. Die Menschen hungerten. Der Dirigent Karl Eliasberg hielt das Leningrader Radio-Orchester am Leben, indem er Proben durchführte und seine Musiker persönlich zu den Verpflegungsstationen brachte. Am 9. August versammelte Eliasberg die 15 Überlebenden des Leningrader Radio-Orchesters und holte einige Mitglieder der Militärkapellen in die Große Philharmonie. Sie spielten Dmitri Schostakowitschs Sinfonie Nr. 7 (die Leningrader Sinfonie) im Radio und über öffentliche Lautsprecher.
Die Sinfonie besteht aus vier Sätzen. Der erste, ruhig und fast pastoral, erinnert an Leningrad vor dem Krieg. Der zweite, der sich um ein immer lauter werdendes Ostinato der kleinen Trommel dreht, spielt auf die Invasion der Nazis an. Der dritte, angeführt von Streichern und Blasinstrumenten, beklagt das schreckliche Leid des sowjetischen Volkes, von dem Millionen bereits gestorben sind oder sterben. Der letzte Satz in C-Dur, laut und stolz, nimmt den Sieg über das Böse des Faschismus vorweg. Sie wussten es nicht, aber sie hatten noch nicht einmal die Hälfte der Belagerung hinter sich. Vor ihnen lagen noch 536 Tage voller Hunger und Kämpfe. Es sagt viel über die feste Entschlossenheit der sowjetischen Bevölkerung aus, dass sie die Sinfonie mitten während der Belagerung aufführten, wobei die Lautsprecher auf die Nazi-Linien gerichtet waren, damit auch die Deutschen sie hören konnten. Im sowjetischen Archiv findet sich der Satz eines Geheimdienstoffiziers: «Selbst der Feind hörte schweigend zu. Sie wussten, dass es unser Sieg über die Verzweiflung war.» Später sagte ein deutscher Gefangener, die Symphonie sei «ein Geist aus der Stadt gewesen, den wir nicht töten konnten».

Bildnachweis: Jewgeni Chaldej.
Unsere Studie zeigt, dass die sowjetische Rote Armee bei ihrem fast wundersamen Vormarsch durch Osteuropa 80 % der Wehrmacht vernichtete. Als die westlichen Armeen die Grenzen Deutschlands erreichten, war das Nazi-Regime praktisch bereits zusammengebrochen. Es war die sowjetische Rote Armee, die den Großteil Menschen aus den Konzentrationslagern befreite, und es war ihr wissenschaftlich geplantes Vorrücken, das die Verbündeten der Nazis in Osteuropa – beispielsweise die Rumänen – zur Kapitulation und zum Seitenwechsel zwang. Der Grund, warum die Sowjetunion ihre gesamte Stärke gegen die Nazis richten konnte, liegt darin, dass chinesische Kommunisten und Patrioten die Ostflanke der Sowjetunion gegen Angriffe der japanischen Militarist*innen verteidigten. Obwohl sie mit unzureichenden Waffen kämpften, fügten die chinesischen Kommunist*innen und Patriot*innen den Japaner*innen enorme Verluste zu, banden 60 % ihrer Armee und verhinderten so, dass diese den anrückenden US-Truppen entgegenstellten, die im Pazifik Insel um Insel eroberten-
Hätten die Chinesen die japanischen Truppen nicht gebunden, wäre die Sowjetunion gefallen (und Nazi-Deutschland hätte Europa erobert) und die US-Truppen hätten möglicherweise die Schlachten von Saipan (1944) und Iwo Jima (1945) nicht gewonnen. Die sowjetische Rote Armee und die chinesischen Kommunist*innen und Patriot*innen opferten gemeinsam Millionen von Menschenleben, um den Faschismus zu besiegen (die genaue Zahl ist in unserer Studie angegeben und liegt zwischen 50 und 100 Millionen). Im Mai 1945, als das Nazi-Regime zusammenbrach, war bereits klar, dass der japanische Militarismus auf dem Weg zur Kapitulation war. Es wäre nicht notwendig gewesen, dass die Vereinigten Staaten im Juli 1945 die Trinity-Tests durchführten und am 6. August sowie am 9. August Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki abwarfen. Das immense Opfer der sowjetischen Bürger*innen und der chinesischen Kommunist*innen und Patriot*innen machte den Einsatz dieser Massenvernichtungswaffe vermeidbar; dass die Vereinigten Staaten sie einsetzten, sagt viel über den gewaltsamen Umgang des Imperialismus mit dem menschlichen Leben aus – genau das erleben wir heute in Gaza erneut.

Bildnachweis: Michail Samojlowitsch Bernschtein.
Die erste Lüge. Die westlichen Alliierten haben sich von Anfang an gegen die Faschisten gestellt und den Krieg gegen den Faschismus gewonnen.
Die Wahrheit. Die westlichen Regierungen schickten ihre Armeen, um die Oktoberrevolution zu zerstören, sobald sie 1917 begann. Die sowjetische Regierung bat im Dezember 1917 um Frieden, dennoch griff Deutschland Finnland und die junge Sowjetrepublik an, was zu einer massiven Invasion der Alliierten führte (mit Truppen aus den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Frankreich, Rumänien, Estland, Griechenland, Australien, Kanada, Japan und Italien). Die Haltung der Alliierten geht aus den Schriften und Reden des britischen Politikers Winston Churchill hervor, der 1919 sagte, die Alliierten sollten «die widerwärtige Affenbande des Bolschewismus» vernichten (30 Jahre später sagte er, «die Erdrosselung des Bolschewismus bei seiner Geburt wäre ein unermesslicher Segen für die Menschheit gewesen»). In den 1930er und 1940er Jahren wollten die westlichen Regierungen, dass die faschistischen Regime Deutschlands und Italiens ihre Waffen gegen die Sowjetunion richten und diese zerstören. Das bedeutete «Appeasement» – man stimmte Hitlers Antikommunismus zu und erlaubte seinen militärischen Aufbau, solange er sich gegen die Sowjetunion richtete. Obwohl Großbritannien und Frankreich im September 1939 Deutschland den Krieg erklärten, unternahmen sie in den folgenden Monaten nichts – eine Zeit, die als «Phoney War», Drôle de guerre oder Sitzkrieg (in Anlehnung an «Blitzkrieg») bekannt wurde.
1941 marschierten Hitlers Armeen in die Sowjetunion ein. Auf der Teheraner Konferenz von 1943 mussten die Vereinigten Staaten und Großbritannien anerkennen, dass es die Rote Armee war, die den Faschismus zerstörte. Churchill überreichte dem sowjetischen Staatschef Josef Stalin im Namen von König Georg VI. ein Schwert aus Sheffield-Stahl, das «Schwert von Stalingrad» genannt wurde, um den Mut der sowjetischen Bürger*innen zu würdigen, die der Belagerung (bei der zwei Millionen Menschen ums Leben kamen) standhielten und die Nazis besiegten. Aber es dauerte noch ein weiteres Jahr, bis die Alliierten 1944 in den Krieg in Europa eintraten. Zu diesem Zeitpunkt war das deutsche Militär bereits von der Roten Armee (und durch die Luftangriffe der Alliierten) dezimiert worden. Die westlichen Länder traten in den Krieg ein, weil sie befürchteten, dass die Rote Armee in Deutschland einmarschieren und eine Position im Herzen Europas einnehmen würde.
Für die westlichen Regierungen bestand der grundlegende Widerspruch nicht zwischen Liberalismus und Faschismus, sondern zwischen dem imperialistischen (bzw. Kriegs-) Lager – zu dem sowohl die Faschisten als auch die Liberalen gehörten – und dem sozialistischen (bzw. Friedens-) Lager. Dieser Widerspruch zog sich von 1917 bis 1991 hin – und somit direkt durch die Jahre des Zweiten Weltkriegs, des weltweiten antifaschistischen Krieges.

Bildnachweis: Sha Fei.
Die zweite Lüge. Es waren die Opfer, die die USA im Pazifikkrieg erbrachten und die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki, die den japanischen Militarismus besiegten.
Die Wahrheit. Der weltweite antifaschistische Krieg begann nicht, als Deutschland 1939 in Österreich einmarschierte. Er begann zwei Jahre zuvor in China, zur Zeit des Marco-Polo-Brücken-Zwischenfalls (dem Zusammenstoß im Juli 1937 in der Nähe von Peking, der den Beginn der vollständigen Invasion Japans in China markierte) und dauerte bis zum Ende des US-Krieges gegen Korea, der erst 1953 mit dem Waffenstillstand beendet wurde. Millionen mutiger patriotischer und antifaschistischer Menschen kämpften gegen den japanischen Militarismus, der die schlimmsten Kräfte der extremen Rechten in Korea und Indochina auf den Plan rief. Als die Vereinigten Staaten im Dezember 1941 in den Krieg eintraten, banden die chinesischen Patriot*innen und Kommunist*innen – ebenso wie die nationalen Befreiungsarmeen in Indochina und Südostasien – 60 % der japanischen Truppen und machten sie damit unfähig, die Ostflanke der Sowjets anzugreifen. Die immensen Opfer der Offensive der hundert Regimenter im Jahr 1940, bei der General Zhu De 400.000 kommunistische Soldaten anführte, um die japanische Infrastruktur in Nordchina (einschließlich 900 Kilometer Eisenbahnstrecke) zu zerstören, sollten nicht vergessen werden.
Die Mythenbildung der US-Marine, die die Höhen von Iwo Jima erklimmt, oder von der Atombombe, die die Japaner*innen zur Kapitulation zwingt, ist allgegenwärtig. Dabei wird jedoch ausgeblendet, dass die Japaner*innen bereits erheblich angeschlagen waren, dass sie zur Kapitulation bereit waren und dass Hiroshima und Nagasaki keine militärischen Ziele waren. Was im August 1945 geschah, hatte nichts mit militärischer Strategie zu tun: Es war ausschließlich eine Demonstration der Macht der USA, eine Botschaft an die Welt über die neue Waffe, die die USA entwickelt hatten, und eine Warnung an alle Kommunist*innen in Asien, dass diese Waffe gegen sie eingesetzt werden könnte. Die Millionen asiatischer Arbeiter*innen und Bäuer*innen, die im Kampf gegen den Faschismus starben – darunter auch Mitglieder meiner Familie in Burma –, wurden durch den Atompilz ausgelöscht. Er begann, in der Erinnerung der Menschen Vorrang zu haben. Die Bombe, nicht die Menschen, die um jeden Zentimeter Land in Südostasien gekämpft hatten, wurde zum Helden. Das ist die zweite Lüge.

Quelle: T/3 Raezkowaki.
Die gewaltige Wahrheit. Zwischen diesen beiden Lügen liegt eine gewaltige Wahrheit, die in unserem kollektiven Gedächtnis vergraben wurde: Faschismus ist die Negation von Souveränität und Würde, der hässliche Zwilling des Kolonialismus. Es ist schwer, die beiden voneinander zu unterscheiden. Schließlich war Völkermord ein konstitutives Merkmal kolonialer Herrschaft (man denke an die sechs Millionen Menschen, die im Kongo getötet wurden, den Völkermord an den Herero und Nama in Südwestafrika durch Deutschland, den Völkermord an den indigenen Völkern Amerikas und die drei Millionen Bengalen, die 1943 an Hunger starben).
Nach der Niederlage des deutschen Faschismus und des japanischen Militarismus kehrten die Niederländer*innen, Franzos*innen und Brit*innen mit US-Verbündeten zurück, um ihre Kolonien in Indonesien, Indochina und Malaya zurückzufordern. Die Gewalt dieser Kolonialkriege in den 1940er und 1950er Jahren ist grotesk. Über den Versuch der Niederländer*innen, Indonesien erneut zu kolonisieren, sagte der nationalistische Führer Sukarno: «Sie nennen es Polizeieinsatz, aber unsere Dörfer brennen, unsere Menschen sterben und unsere Nation blutet für ihre Freiheit.» Chin Peng, ein malaysischer Kommunist, äußerte sich ähnlich: «Wir haben uns erhoben, weil wir sahen, wie Dörfer hungerten und Stimmen durch Geld und Macht zum Schweigen gebracht wurden.» General Sir Gerald Templer, der den britischen Ausnahmezustand in Malaya leitete, bezeichnete nach einem Aufstand ein Dorf als «Dorf von fünftausend Feiglingen» und hungerte die Dorfbewohner*innen aus, indem er ihnen Reis verweigerte.
Dörfer brannten. Dorfbewohner*innen hungerten. Das war die Realität des Versuchs, die Kolonien zurückzuerobern, und dann des US-Krieges gegen Korea. Als die USA ihre Operationen in Korea begannen, sagte Präsident Harry Truman, seine Armee solle «alle Waffen einsetzen, die wir haben» – eine erschreckende Bemerkung angesichts des Einsatzes von Atomwaffen gegen Japan. Aber es gab keinen Bedarf für eine Atombombe, da die Städte Nordkoreas von Luftangriffen ausgelöscht wurden. Wie Generalmajor Emmett O’Donnell 1951 vor dem US-Senat erklärte: «Alles ist zerstört. Es gibt nichts mehr, was diesen Namen verdient. Es gab keine Ziele mehr in Korea.» Das war ihre Haltung: Faschismus oder Kolonialismus – such dir eins von beiden aus.
Westliche Kolonialist*innen ließen faschistische Elemente in Japan, Korea, Indochina und anderen Ländern wiederauferstehen und verbündeten sich mit ihnen, um eine internationale Achse gegen Arbeiter*innen, Bäuer*innen und Kommunist*innen zu stärken. Dies zeigt, dass die westlichen Kolonialist*innen keineswegs antifaschistisch waren. Ihr wirklicher Feind war die Möglichkeit, dass Arbeiter*innen und Bäuer*innen Klarheit und Selbstvertrauen entwickeln und sich für eine sozialistische Zukunft entscheiden würden.

Bildnachweis: Jewgeni Chaldej.
Die unleugbare Wahrheit ist, dass die sowjetische Rote Armee und die chinesischen Kommunist*innen und Patriot*innen Nazi-Deutschland und das militaristische Japan besiegt haben. Es waren diese Kräfte, die die größten Opfer im Kampf gegen den Faschismus gebracht haben und die enge Verbindung zwischen Faschismus, Kapitalismus und Kolonialismus verstanden haben. Man kann nicht Antifaschist sein und gleichzeitig für Kolonialismus oder Kapitalismus eintreten. Das ist einfach unmöglich. Das sind gegensätzliche Konstrukte.
Meine Gedanken sind immer noch im Leningrad des August 1942. Erinnert euch an das Orchester und Schostakowitschs Sinfonie Nr. 7. Die Nazi-Truppen umzingeln die Stadt. Alles ist still. Dann beginnt die Musik. Sie dauert eine Stunde. Und dann hört die Musik auf.
Herzlichst,
Vijay

