Der dritte Newsletter (2026)

Liebe Freund*innen,
Grüße aus dem Büro von Tricontinental: Institute for Social Research.
Im Jahr 2024 veröffentlichte unser Institut zwei wichtige Texte – die Studie Hyper-Imperialism: A Dangerous Decadent New Stage («Hyper-Imperialismus: Eine gefährliche neue Phase der Dekadenz») und das Dossier Nr. 72, The Churning of the World Order («Die Umwälzung der Weltordnung»). Zusammen bieten sie fünf wichtige Beobachtungen:
- Der von den USA angeführte Imperialismus ist in eine neue, aggressivere Phase übergegangen, die wir als Hyper-Imperialismus bezeichnen. Seit dem Zweiten Weltkrieg ist die Weltordnung von der Dominanz der USA geprägt, die sich in ihrem Netzwerk von mehr als 900 ausländischen Militärstützpunkten, im Konzept der «globalen NATO» und dem Einsatz von US-NATO-Militärschlägen zur Lösung politischer Konflikte außerhalb des Nordatlantiks sowie in hybriden Formen der Machtprojektion, darunter einseitige Zwangsmaßnahmen, Informationskriegsführung, neue Formen der Überwachung und der Einsatz von Rechtsstreitigkeiten zur Delegitimierung abweichender Meinungen, zeigt. Dieser Hyper-Imperialismus wird unserer Meinung nach durch den relativen wirtschaftlichen und politischen Niedergang des Globalen Nordens angetrieben.
- Die Vereinigten Staaten bleiben die zentrale hegemoniale Macht innerhalb eines geeinten imperialen Blocks, den wir als den Globalen Norden bezeichnen. Anstelle einer multipolaren, zwischenimperialistischen Rivalität der westlichen Mächte, so argumentieren wir, dominieren die USA einen militärisch, politisch und wirtschaftlich integrierten NATO-Plus-Block, in dem andere westliche Mächte untergeordnet sind. Dieser von den USA geführte Block versucht alles einzudämmen, was er als Herausforderungen für seine Kontrolle über den Globalen Süden wahrnimmt – so etwa den Aufstieg Chinas.
- Der hyperimperialistische Block zielt darauf ab, seine neokoloniale Kontrolle über den Globalen Süden aufrechtzuerhalten und seine strategische Dominanz über die aufstrebenden Mächte in Eurasien (China und Russland) zu sichern. Durch den NATO-Plus-Block und seine Kontrolle über wichtige Finanzinstitutionen wie den Internationalen Währungsfonds (IWF) versuchen die Vereinigten Staaten, die nationale Souveränität zu unterdrücken und sich jeder Herausforderung ihrer Interessen zu widersetzen – wie im Krieg in der Ukraine und beim Völkermord in Gaza zu sehen ist. Dies zeigt sich auch im Rückzug der USA aus allen multilateralen Abkommen, die ihre Macht einschränken, darunter wichtige Rüstungskontrollverträge wie das Anti-Ballistic Missile Treaty (2002) und das Intermediate-Range Nuclear Forces Treaty (2019) sowie die Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (2026).
- Der von den USA geführten NATO-Plus-Block will den Aufstieg Chinas und die Verlagerung des Zentrums der Weltwirtschaft vom Nordatlantik nach Asien rückgängig machen. Unsere Forschung zeigt, wie der Globale Süden – angeführt von China und anderen Schwellenländern – den Globalen Norden beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Kaufkraftparität (KKP) überholt hat und damit eine glaubwürdige Bedrohung für die wirtschaftliche Hegemonie des Westens darstellt. Wir zeigen, dass die Kontrolle über Rohstoffe, Wissenschaft, Technologie und Finanzen von diesen aufstrebenden Mächten in Frage gestellt wird. Dies hat eine strategische Reaktion des NATO-Plus-Blocks hervorgerufen. Während der Globale Süden Frieden und Entwicklung fördern will, will der Globale Norden der Welt Krieg aufzwingen.
- Die aktuelle Phase des Imperialismus erhöht das Risiko von Konflikten und stellt eine Gefahr für die globale Stabilität dar. Mit dem Schwinden der wirtschaftlichen und politischen Macht der USA sind militärische Gewalt und hybride Methoden für Washington zu einem zentralen Mittel geworden, um seinen globalen Einfluss aufrechtzuerhalten. Dies erhöht das Risiko weit verbreiteter Gewalt und Konfrontationen, die den globalen Frieden gefährden, die Klimakatastrophe beschleunigen und die Souveränität der Völker des Globalen Südens bedrohen.
Das Konzept des Hyper-Imperialismus ist für unsere Arbeit von zentraler Bedeutung. Was wir derzeit beobachten, ist Hyper-Imperialismus im Hyperantrieb.

Der Angriff der USA auf Venezuela am 3. Januar 2026 erfolgte am selben Tag, an dem französische und britische Jets eine unterirdische Anlage in den Bergen bei Palmyra (Syrien) bombardierten, und nur wenige Wochen, nachdem die USA Dörfer im nigerianischen Bundesstaat Sokoto bombardiert hatten. Keiner dieser Angriffe – die alle unter dem Vorwand der Bekämpfung des «Terrorismus» durchgeführt wurden – hatte die Genehmigung des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen, was sie zu Verstößen gegen das Völkerrecht macht. All dies sind Beispiele für die Gefahr und Dekadenz dieses brandgefährlichen Hyper-Imperialismus. All diese Fälle zeigen nichts anderes, als dass der NATO-Plus-Block durch tödliche Militäraktionen seine Macht über den Globalen Süden demonstriert, für die es keine Rechtfertigung gibt.
Die jährlichen weltweiten Militärausgaben erreichten 2024 2,7 Billionen US-Dollar, wobei Prognosen zufolge bis 2035 ein Anstieg auf 4,7 bis 6,6 Billionen US-Dollar zu erwarten ist – der höhere Wert entspricht fast dem Fünffachen des Niveaus am Ende des Kalten Krieges und dem Zweieinhalbfachen des Niveaus von 2024. Derselbe Bericht schätzt ein, dass es zwischen 2,3 und 2,8 Billionen US-Dollar über einen Zeitraum von zehn Jahren kosten würde, um die extreme Armut weltweit zu beseitigen. Über 80 % dieser Militärausgaben werden von NATO-Plus-Ländern getätigt, wobei die Vereinigten Staaten mit Abstand die höchsten Militärausgaben weltweit haben. Man gibt nicht so viel für Vernichtungswaffen aus, ohne in der Lage zu sein die Welt zu zerstören. Kein anderes Land kommt auch nur annähernd an die Fähigkeit der NATO-Plus-Staaten heran, Einschüchterung durch Waffengewalt zu betreiben.

Das zweite Schlüsselkonzept, das unser Institut in den letzten Jahren entwickelt hat, ist die Neue Stimmung im Globalen Süden. Wir haben argumentiert, dass aufgrund der wirtschaftlichen Neugewichtung der letzten Zeit insbesondere für Länder in Afrika und Asien Raum entstanden ist, nach mehreren Jahrzehnten der Unterdrückung ihre Souveränität geltend zu machen. Wir haben dies beispielsweise in der Sahelzone gesehen, wo Burkina Faso, Mali und Niger die Allianz der Sahelstaaten (AES) gegründet haben, in der Reaktion mehrerer Länder auf die südafrikanische Klage vor dem Internationalen Gerichtshof gegen Israels Völkermord und in dem Versuch von Ländern wie Indonesien bis zur Demokratischen Republik Kongo, ihren Rohstoffen einen Mehrwert zu verleihen, anstatt sie unverarbeitet zu exportieren. Diese Beispiele zeigen, wie die Länder des Globalen Südens unter der Führung Chinas begonnen haben, ihre Fähigkeit zu erproben, sich gegenüber der Autorität der NATO-Plus in verschiedenen Institutionen zu behaupten. Das Schlüsselwort für uns ist hier jedoch «Stimmung»; es gibt eine neue Sensibilität, die getestet wird, die aber noch keine ausgereifte Herausforderung für den kollektiven Westen darstellt.

Wenige Stunden vor dem Angriff auf Venezuela traf sich Präsident Maduro in Caracas mit Qiu Xiaoqi, Chinas Sonderbeauftragtem für Lateinamerika. Sie diskutierten Chinas drittes Strategiepapier zu Lateinamerika (veröffentlicht am 10. Dezember 2025), in dem die chinesische Regierung bekräftigte: «Als Entwicklungsland und Mitglied des Globalen Südens hat China stets in guten wie in schlechten Zeiten Solidarität mit dem Globalen Süden, einschließlich Lateinamerika und der Karibik, gezeigt.» Sie besprachen die 600 gemeinsamen Entwicklungsprojekte zwischen China und Venezuela und die chinesischen Investitionen in Venezuela in Höhe von rund 70 Milliarden US-Dollar. Maduro und Qiu unterhielten sich und ließen sich anschließend fotografieren. Die Fotos wurden in den sozialen Medien verbreitet und im venezolanischen Fernsehen ausgestrahlt. Anschließend verließ Qiu das Treffen zusammen mit dem chinesischen Botschafter in Venezuela, Lan Hu, und den Direktoren der Abteilung für Lateinamerika und die Karibik des Außenministeriums, Liu Bo und Wang Hao. Wenige Stunden später wurde Caracas bombardiert.
Kurz nach dem Angriff erklärte der Sprecher des chinesischen Außenministeriums: «Solche hegemonialen Handlungen der USA verstoßen schwerwiegend gegen das Völkerrecht und die Souveränität Venezuelas und bedrohen den Frieden und die Sicherheit in Lateinamerika und der Karibik. China lehnt dies entschieden ab.» Darüber hinaus konnte wenig unternommen werden. China ist nicht in der Lage, die Brutalität des US-Hyper-Imperialismus mit militärischer Gewalt zurückzudrängen. China und Russland verfügen zwar über beträchtliche militärische Kapazitäten, darunter auch Atomwaffen, aber sie haben nicht die globale militärische Präsenz der Vereinigten Staaten – deren Militärausgaben mehr als doppelt so hoch sind wie die dieser beiden Nationen zusammen – und sind daher hauptsächlich defensive Mächte (das heißt, sie sind in erster Linie in der Lage, ihre Grenzen zu verteidigen).
Diese jüngsten Ereignisse sind derzeit ein Zeichen für die Schwäche der neuen Stimmung im Globalen Süden, aber nicht für deren Niederlage. Im gesamten Globalen Süden folgten auf die Verletzung der UN-Charta durch die USA zahlreiche scharfe Verurteilungen. Die neue Stimmung bleibt bestehen, doch sie stößt an ihre Grenzen.

Das dritte Schlüsselkonzept, das unser Institut entwickelt hat, ist das der extremen Rechten einer besonderen Art (hier auch auf Deutsch vorgestellt). Diese extreme Rechte hat in den meisten Kontinenten rasch Einzug in die Regierungsgebäude gehalten, in Lateinamerika und der Karibik jedoch noch rasanter. Wir argumentieren, dass sie aus mehreren Gründen entstanden ist, darunter:
- Das Versagen der sozialdemokratischen Parteien, die tiefen Krisen der Arbeitslosigkeit, sozialen Anomie und Kriminalität zu lösen, aufgrund ihrer Verpflichtung zu einer vom IWF auferlegten finanzpolitischen Vorsicht und grausamen Sparmaßnahmen.
- Der Zusammenbruch der Rohstoffpreise, der es den sozialdemokratischen Kräften ermöglicht hatte, auf einer «rosa Welle» zu reiten, die auf der Umverteilung der gestiegenen Nationaleinkommen und auf bescheidenen Sozialpolitiken beruhte, mit denen die dringendsten Probleme der Bevölkerung, darunter Hunger und Armut, angegangen wurden. Ein Teil der Feindseligkeit der extremen Rechten richtet sich gegen solche Programme der Einkommensumverteilung, die sie als unfair gegenüber der Mittelschicht bezeichnet.
- Das Versagen der sozialdemokratischen Kräfte – oder sogar der Linken, wenn sie auf lokaler Ebene an die Macht gekommen ist –, gegen die Zunahme der Kriminalität vorzugehen, die teilweise mit dem Drogenhandel zusammenhängt und die Arbeiterviertel in der gesamten westlichen Hemisphäre erfasst hat.
- Die Instrumentalisierung des Korruptionsdiskurses durch die extreme Rechte einer besonderen Art, um systematisch Mitte-Links- und sozialdemokratische Akteur*innen zu delegitimieren. Dieses System des «Lawfare» (des Rechtskampfs) hat eine stark moralisch aufgeladene Anti-Politik hervorgebracht, die einen autoritären Wunsch nach Ordnung und strafender Gerechtigkeit bestärkt, ohne strukturelle Reformen zu ermöglichen.
- Das Entstehen einer Politik der Angst als Reaktion auf eine inszenierte zivilisatorische Krise, die sich am Beispiel des Gespensts der «Gender-Ideologie», der rassifizierten Darstellung Schwarzer Jugendlicher in städtischen Zentren als Bedrohung (so dass Polizeigewalt gegen sie als normal und erwartbar erscheint), der Landansprüche indigener Völker und der Forderungen von Umweltaktivist*innen zeigt. Die extreme Rechte einer besonderen Art begeisterte einen Großteil der Bevölkerung mit dem Argument, ihre Traditionen verteidigen und ihre Lebensweise wiederherstellen zu müssen, als wären es die Feminist*innen und Kommunist*innen gewesen, die die Gesellschaft zerstört hätten, und nicht die Feuer der neoliberalen Zerstörung.
- Die Zuführung massiver Geldsummen aus dem Globalen Norden in den Globalen Süden über transnationale rechte Plattformen (wie das spanische Foro Madrid), um evangelikale Netzwerke und neue digitale Desinformationsökosysteme zu fördern.
- Die direkte Einmischung der Vereinigten Staaten im Globalen Süden durch ihre Dominanz über Finanzinstitutionen wie den IWF und die Weltbank, durch globale Finanzsysteme wie SWIFT und durch direkte militärische Gewalt und Einschüchterung.
Die extreme Rechte einer besonderen Art in Lateinamerika und der Karibik war das imperiale Gegenmittel gegen die Rückkehr der von Simón Bolívar formulierten und von Hugo Chávez aufgegriffenen Ideen der Souveränität, die in der rosa Welle ihren Ausdruck fanden. Als die rosa Welle zurückging, kam es zu einer Welle der Wut: Wir bewegten uns von Führungspersönlichkeiten wie Chávez (Venezuela), Evo Morales (Bolivien) und Néstor Kirchner (Argentinien) zu Jair Bolsonaro (Brasilien), Javier Milei (Argentinien), Daniel Noboa (Ecuador), José Antonio Kast (Chile) und Nayib Bukele (El Salvador).

Das vierte Schlüsselkonzept, das unser Institut entwickelt hat und das uns hilft, unser Denken zu formen, ist die Zukunft – nicht nur als Idee des Sozialismus, als Ziel, sondern als Hoffnung, als Sensibilität für eine solche Zukunft: die Idee, dass wir unser Denken nicht durch eine ewige, hässliche Gegenwart einschränken lassen dürfen, sondern auf die Möglichkeiten ausrichten müssen, die unserer Geschichte und unserem Kampf für eine bessere Welt innewohnen. Die extreme Rechte einer besonderen Art gibt vor, durch die Theologie des Wohlstands die Zukunft zu repräsentieren, während sie in Wirklichkeit nur eine permanente Gegenwart aus Sparmaßnahmen und Krieg bietet und die Linke als Vergangenheit darstellt. Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein. Unser 100. Dossier (Mai 2026) wird sich mit diesem Konzept befassen. Wir freuen uns darauf, es mit euch zu teilen.
Wie Kwame Nkrumah zu sagen pflegte: «Immer vorwärts, niemals rückwärts».
Herzlichst,
Vijay

