Der sechste Newsletter (2026)

Liebe Freund*innen,
Grüße aus dem Büro von Tricontinental: Institute for Social Research.
Im Jahr 2014 startete die Internationale Organisation für Migration (IOM) der Vereinten Nationen das Projekt «Missing Migrants». Das Projekt «beherbergt die einzige frei zugängliche Datenbank mit Aufzeichnungen über Todesfälle während der Migration auf globaler Ebene» und gibt an, dass seit 2014 mindestens 33.220 Migrant*innen bei der Überquerung des Mittelmeers ums Leben gekommen sind oder als vermisst gelten. Dies ist eine sehr niedrige Schätzung, da die IOM zugibt, dass sie nicht jedes Boot erfassen kann, das die nordafrikanische Küste verlässt, geschweige denn all diejenigen, die nie in Europa ankommen. Südlich des Mittelmeers liegt die Sahara, wo die Gefahren noch größer sind. Die IOM schätzt, dass jedes Jahr mehr Menschen bei der Überquerung der Sahara ums Leben kommen als bei der Überquerung des Mittelmeers, aber da diese Todesfälle weit entfernt von den Küsten Europas stattfinden, finden sie weit weniger Beachtung.
Die Durchquerung der Sahara von Agadez (Niger) nach Sabha (Libyen) dauert etwa drei Tage, wenn die Bedingungen es zulassen und die Sandstürme nicht zu heftig sind. Vor fast einem Jahrzehnt hörte ich auf einer Reise durch die Region Überlebende der Überquerung erzählen, dass man häufig auf halb im Sand begrabene Leichen stößt und Hilferufe von Zurückgebliebenen hört. Es ist üblich, dass ein oder zwei Migrant*innen in einem Konvoi sterben; einige fallen von der Ladefläche eines Lastwagens und werden zurückgelassen, andere werden manchmal von Schleusern erschossen. Dieser Korridor wird von Menschen aus dem gesamten Kontinent genutzt, darunter auch Eritreer*innen. So berichtete etwa Teklebrhan Tefamariam Tekle, ein eritreischer Flüchtling in Schweden, dem Hohen Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen im Rahmen des Projekts »Telling the Real Story»: «Die Unfälle passieren dort hinten in der Sahara. Die Sahara ist voller Leichen von Eritreer*innen.» Als Teklebrhan Libyen erreichte, wurde er gefangen genommen. Als er und andere das Meer zu überqueren versuchten, wurde ihr Boot von der libyschen Küstenwache abgefangen und sie wurden in ein Internierungslager in der Küstenstadt Zuwara gebracht. Nach acht Monaten meldete sich Teklebrhan für einen Flug an, von dem er dachte, es handele sich um einen Evakuierungsflug, doch dann wurde er nach Eritrea zurückgeschickt. Später floh er erneut und erhielt schließlich eine Umsiedlung nach Schweden.

Ich habe über Menschen wie Teklebrhan und andere nachgedacht, denen ich in der Sahara begegnet bin und die trotz aller Widrigkeiten mutige Reisen auf sich nahmen, um auf der Suche nach Arbeit nach Europa zu gelangen. Nur wenige von ihnen wollten um der Destination Europa willen dorthin; ihr eigentliches Ziel war eine Existenzgrundlage – wo auch immer diese zu finden sein mochte. Ihre Länder, destabilisiert durch Krieg, Sanktionen und Ausplünderung, können keine Arbeitsplätze bieten, solange sie in neokolonialen Strukturen gefangen bleiben.
Die Daten zur Migration erzählen eine wichtige Geschichte. Die Zahl der internationalen Migrant*innen hat sich von 154 Millionen im Jahr 1990 auf 304 Millionen im Jahr 2024 verdoppelt. Wenn diese Migrant*innen ein Land bilden würden, wäre es nach Indien, China und den Vereinigten Staaten das viertbevölkerungsreichste Land der Welt. Die Weltbank schätzt, dass die weltweiten Überweisungen um 4,6 % gestiegen sind, von 865 Milliarden US-Dollar im Jahr 2023 auf 905 Milliarden US-Dollar im Jahr 2024. Wenn diese Migrant*innen ein Land wären, würden ihre Überweisungen den Gesamtwert der ausländischen Direktinvestitionen der Vereinigten Staaten, Japans und Chinas im Jahr 2024 übersteigen. Jeder achte Mensch auf der Welt ist auf diese Überweisungen angewiesen, um sein Einkommen und seinen Konsum aufzubessern. Die Migration ist kein Rundungsfehler in der Weltwirtschaft, sondern eines ihrer bestimmenden Merkmale.

Für die ärmeren Nationen spielt die Migration eine wichtige, aber widersprüchliche Rolle in der Entwicklung. Einerseits zeigten die von Jugendlichen angeführten Proteste in Marokko und Nepal im Jahr 2025, dass junge Menschen zunehmend gegen den wirtschaftlichen Zwang rebellieren, für prekäre Arbeitsplätze ins Ausland auszuwandern. Sie würden lieber in ihren eigenen Ländern arbeiten, um mit ihrer Familie und ihren Freunden ein kulturell und sozial erfülltes Leben zu führen. Dies setzt die Regierungen im Globalen Süden unter Druck, nationale Entwicklungsstrategien zu entwickeln, die durch Maßnahmen wie Agrarreformen, Industriepolitik und öffentliche Investitionen menschenwürdige Arbeitsplätze schaffen. Andererseits bringen Überweisungen in vielen Ländern mehr Devisen ein als ausländische Direktinvestitionen (ADI), zumal die gesamten ADI in Entwicklungsländer im Jahr 2023 um 7 % auf 867 Milliarden US-Dollar zurückgingen, mit deutlichen Rückgängen in Afrika und Asien. Das bedeutet, dass Länder strukturell vom Export von Arbeitskräften abhängig werden, um überhaupt überleben zu können.
Jede Wirtschaftsagenda im Globalen Süden muss sich mit dem Widerspruch zwischen dem Verlust von Arbeitskräften durch Migration und der Abhängigkeit von Überweisungen für die makroökonomische Stabilität und den Lebensunterhalt der Haushalte auseinandersetzen. Kurzfristig müssen die ärmeren Nationen die Überweisungsströme mit der Entwicklungsfinanzierung verknüpfen, damit ein Teil dieser Mittel nicht vollständig für die unmittelbaren täglichen Bedürfnisse der Arbeiterklasse und der armen Haushalte, die von ihnen abhängig sind, aufgewendet wird. Dies kann durch freiwillige öffentliche Spar- und Kreditinstrumente erreicht werden, anstatt zu versuchen, die Überweisungen der Haushalte zu kontrollieren. Langfristig sind produktive Investitionen erforderlich, um Arbeitskräfte im Inland zu beschäftigen und den wirtschaftlichen Zwang zur Auswanderung zu beenden.

Mexiko begann unter der Präsidentschaft von Andrés Manuel López Obrador (AMLO) im Jahr 2023 ein interessantes Experiment zur Senkung der Kosten für Überweisungen und einen erweiterten Zugang zu öffentlichen Finanzdienstleistungen. Die AMLO-Regierung nutzte ein bestehendes staatliches Finanzinstrument – Financiera para el Bienestar (Finabien) –, um kostengünstigere Überweisungen und finanzielle Inklusion zu fördern. Durch die Einführung einer Finabien-Karte und einer App konnten mexikanische Migrant*innen in den Vereinigten Staaten über die Plattform von Finabien direkt Geld an ihre Familien überweisen und waren somit weniger auf teure Überweisungsdienstleister angewiesen. Die Gelder wurden auf digitale, mit der Karte verbundene Konten eingezahlt. Diese Maßnahme senkte die Transaktionskosten für Überweisungen und integrierte gleichzeitig mehr Empfängerhaushalte in das formelle Finanzsystem. Geldüberweisungen sind jedoch auch ein Schwachpunkt, da die Infrastruktur, die diese Überweisungen ermöglicht, weitgehend in den Händen des Globalen Nordens liegt. In den Vereinigten Staaten hat die Trump-Regierung eine Verbrauchssteuer von 1 % auf bestimmte Geldüberweisungen ab dem 1. Januar 2026 eingeführt, was früheren Drohungen entspricht, Geldüberweisungen in die Region als Mittel des politischen Drucks zu unterbinden.
Wenn ein Programm wie Finabien ausgeweitet und mit einer umfassenderen Entwicklungsstrategie in anderen Teilen der Welt verknüpft würde, könnten die auf diese staatlich unterstützten Konten eingehenden Überweisungen als stabiler Einlagenpool dienen, der den Empfänger*innen das Sparen und den Zugang zu Krediten ermöglicht und gleichzeitig die Einlagenbasis und die Kreditvergabekapazität des Bankensystems stärkt. Mit den richtigen öffentlichen Institutionen – wie Entwicklungsbanken und gezielten Kreditprogrammen – könnte ein Teil dieser erweiterten Einlagenbasis in langfristige Kredite für Infrastruktur und produktive Industrie fließen. Auf diese Weise könnten Überweisungen freiwillig in produktive Investitionen fließen, anstatt vollständig für den täglichen Konsumbedarf absorbiert zu werden.

Seit Jahrzehnten haben die Strukturanpassungsprogramme (SAPs) des Internationalen Währungsfonds (IWF), die den ärmeren Nationen auferlegt wurden, unter dem Vorwand der «makroökonomischen Stabilisierung» den Interessen der Gläubiger und Rentierkapitalisten Vorrang vor produktiven Investitionen und Beschäftigung eingeräumt. Die SAP-Auflagen umfassen stets Sparmaßnahmen, Beschränkungen bei der Einstellung von Personal im öffentlichen Dienst, Lohnzurückhaltung und Kürzungen bei staatlichen Investitionen. Diese Maßnahmen schränken die Möglichkeiten von Regierungen ein, Industriepolitik zu betreiben, öffentliche Bauvorhaben auszuweiten oder aktiv Arbeitsplätze zu schaffen. In der Praxis führen die Vorgaben des IWF zu einer «Überbevölkerung» im Globalen Süden, die zur Auswanderung gezwungen ist, um zu überleben. Diese Vertreibung wird durch imperialistische Kriege und wirtschaftliche Waffen wie einseitige Zwangsmaßnahmen verstärkt, die die öffentlichen Einnahmen untergraben, wichtige Infrastruktur zerstören, den Zugang zu Handel und Finanzen einschränken und Familien auseinanderreißen. Nach Angaben des UNHCR wurden bis Ende 2024 weltweit 122 Millionen Menschen aufgrund von Verfolgung, Konflikten, Gewalt und damit verbundenen Verstößen gewaltsam vertrieben.
Entwicklungsstrategien, die keine produktiven Arbeitsplätze schaffen, exportieren lediglich Arbeitskräfte und verstärken gleichzeitig die Abhängigkeit von Überweisungen. Die Schaffung von Arbeitsplätzen im Inland – durch Maßnahmen zur Steigerung der Produktivität und zum Ausbau der öffentlichen Kapazitäten, von Agrarreformen und öffentlichen Investitionen bis hin zu Industriepolitik und öffentlichen Dienstleistungen – ermöglicht es den Menschen, in ihren Gemeinden zu bleiben, stärkt die Volkswirtschaften und verringert die Zwangsmigration. Eine Entwicklung, die keine Erwerbsbeschäftigung schafft, vertreibt letztlich die Armen, anstatt sie aus der Armut zu befreien.
Migration muss daher als Folge der Unterentwicklung des Globalen Südens und des ungleichen Austauschs verstanden werden und nicht nur als Sicherheitsproblem für den Globalen Norden. Die Schaffung würdiger Arbeitsplätze in den ärmeren Ländern ist die wichtigste Antwort auf die erzwungene Wirtschaftsmigration. Dazu muss jedoch die Sparpolitik des IWF durch eine Entwicklungsagenda ersetzt werden, die den fiskalischen Spielraum erweitert, öffentliche Investitionen unterstützt und eine Industriepolitik ermöglicht.

Natürlich spielen auch andere Themen eine Rolle. Mit schnell alternden Bevölkerungen und niedrigen Geburtenraten, die durch eine Krise der sozialen Reproduktion bedingt sind, ist der Globale Norden zunehmend auf Arbeitskräfte aus dem Globalen Süden in Schlüsselsektoren angewiesen – von Pflegearbeit und Landwirtschaft bis hin zu Bauwesen und Logistik. In den wichtigsten Siedlerkolonialstaaten des Globalen Nordens erstreckt sich diese Abhängigkeit auch auf hochqualifizierte Arbeitskräfte im Gesundheitswesen, im Ingenieurwesen und an Universitäten, da Lücken in der öffentlichen Schulung und Bildung zunehmend durch Einwanderung geschlossen werden. Dennoch werden Migrant*innen regelmäßig diffamiert und kriminalisiert, obwohl ihre Arbeit unverzichtbar geworden ist. Dieser Widerspruch wird nicht von allen akzeptiert. Am Freitag, dem 30. Januar, protestierten Menschen in den ganzen USA gegen die hochgradig militarisierte Anti-Einwanderungskampagne der Trump-Regierung, die Massenrazzien, Inhaftierungen und Abschiebungen umfasst. Die Proteste fanden statt, nachdem 2025 Dutzende Migrant*innen in Einwanderungshaft ums Leben gekommen waren und zwei US-Bürger*innen in Minneapolis von Bundesbeamten erschossen worden waren.
Diese Spannungen um die Migration spiegeln sich auch in der internationalen Politik wider. Im Globalen Pakt für eine sichere, geordnete und reguläre Migration (Global Compact for Safe, Orderly, and Regular Migration, kurz GCM) der Vereinten Nationen, der im Dezember 2018 von der Generalversammlung verabschiedet wurde, sind 23 Ziele festgelegt. Eine genaue Lektüre der Ziele des GCM lässt drei wichtige politische Punkte erkennen:
Senkung der Kosten für Überweisungen und Förderung der finanziellen Inklusion. Dies wird in Ziel 20 angesprochen: «Schnellere, sicherere und kostengünstigere Überweisungen fördern und die finanzielle Inklusion von Migrant*innen vorantreiben». Der GCM stellt auch fest, dass Überweisungen private Gelder sind und «nicht mit anderen Entwicklungsfinanzierungen gleichgesetzt werden können», was den Widerspruch unterstreicht: Haushalte sind gezwungen, Lasten zu tragen, die eigentlich durch öffentliche Investitionen gedeckt werden sollten.
Bekämpfung der Ursachen von Migration durch produktive Investitionen. Dies wird in Ziel 2 angesprochen: «Die negativen Faktoren und strukturellen Ursachen, die Menschen dazu zwingen, ihr Herkunftsland zu verlassen, minimieren». Grundsätzlich erfordert die Verringerung der erzwungenen Migration die Verbesserung der Lebensbedingungen im Heimatland, was jedoch finanziellen Spielraum und politische Autonomie erfordert, die von Sparprogrammen regelmäßig verweigert werden.
Die Arbeitskräftemobilität an die demografischen Gegebenheiten anpassen. Dies wird in Ziel 5 angesprochen: «Die Verfügbarkeit und Flexibilität von Möglichkeiten der regulären Migration verbessern» und in Ziel 18: «In die Entwicklung von Fähigkeiten investieren und die gegenseitige Anerkennung von Fähigkeiten, Qualifikationen und Kompetenzen erleichtern». Tatsächlich fördert der GCM reguläre Wege der Arbeitskräftemobilität, die den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes in den Zielländern entsprechen, sowie Mechanismen zur Anerkennung der Qualifikationen von Migrant*innen. Dies kann irreguläre Migration und Ausbeutung verringern, aber auch den Export von Arbeitskräften als „Lösung“ für die Entwicklung normalisieren.

Als ich vor zwei Jahren durch Libyen reiste, war ich beeindruckt, als ich das Nest einer Rauchschwalbe in einem verlassenen Militärlastwagen sah. Rauchschwalben sind Zugvögel, die jedes Jahr das Mittelmeer und die Sahara überqueren. Sie kümmern sich nicht um Grenzen und nisten oft unter den Menschen, sogar inmitten unserer Trümmer. Die Schwalbe ist seit langem ein Symbol für die lange Reise und die Hoffnung auf Rückkehr. In der Seefahrertradition tätowierten sich Seeleute Schwalben als Zeichen für eine sichere Überfahrt und Heimkehr. In manchen Gegenden Europas gilt, dass es als Unglück bringt, ein Schwalbennest zu zerstören. Vielleicht enthält dieser alte Aberglaube eine einfache Lehre: Respektiere den Reisenden und schaffe eine Welt, in der niemand gezwungen ist, sein Leben zu riskieren, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Wie der palästinensische Dichter Mahmoud Darwish schrieb: «Und wenn du heimkehrst – in dein Zuhause – denke an die anderen» (وأنتَ تعودُ إلى البيتِ، بيتِكَ، فكِّرْ بغيرِكَ).
Herzlichst,
Vijay

