Der neunte Newsletter (2026)

Liebe Freund*innen,
Grüße aus dem Büro von Tricontinental: Institute for Social Research.
Wir leben in einer verkehrten Welt. Die Oberhäupter der reicheren Nationen, der alten Kolonialmächte, wollen die Sprache des Imperialismus rehabilitieren: Lob für ihre Vergangenheit und der Wunsch, diesen Messianismus in der Gegenwart zu wiederholen. Unterdessen pochen die Völker der ärmeren Nationen auf Frieden und Entwicklung sowie eine Entschuldigung für die Verbrechen des Kolonialismus und Wiedergutmachung für die Plünderungen, die während dieser Zeit begangen wurden. Der Slogan der Menschen ist einfach: «Gerechtigkeit muss sein». Noch erklingt er leise, wird aber mit der Zeit immer lauter werden.

Wenn Vertreter*innen der Vereinigten Staaten nach Europa kommen und über Geopolitik sprechen, hören hochrangige europäische Beamt*innen aufmerksam zu. Letztes Jahr tadelte US-Vizepräsident JD Vance auf der Münchner Sicherheitskonferenz die Europäer*innen für eine Krise, die er als «selbstverschuldet» bezeichnete. Er wurde dafür kritisiert, dass er sich gegenüber der europäischen Demokratie unverschämt verhalten habe, die er dafür rügte, dass sie sich nicht ausreichend um das «Problem» der Migration kümmere und sich zu viele Sorgen mache um den Aufstieg des Rechtsextremismus einer besonderen Art.
Europäische Zeitungen, von The Guardian bis Le Monde, kritisierten Vance für seine Unverschämtheit. Die meisten hochrangigen liberalen europäischen Politiker*innen – von der Hohen Vertreterin der Europäischen Union für Außenpolitik, Kaja Kallas, bis zum NATO-Generalsekretär Mark Rutte – neigten jedoch den Kopf und erklärten, Europa täte gut daran, die von den Vereinigten Staaten festgelegten Ziele für Militärausgaben zu erreichen. Dieser Drang zur Militarisierung geht Hand in Hand mit einer stetigen Kapitulation vor der extremen Rechten.
In diesem Jahr war US-Außenminister Marco Rubio der Vertreter der USA auf der Münchner Sicherheitskonferenz. Rubios Rede war eine ziemlich zutreffende Geschichtsstunde:
Fünf Jahrhunderte lang, bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, hatte sich der Westen ausgebreitet – seine Missionare, Pilger, Soldaten und Entdecker strömten von seinen Küsten aus über die Ozeane, besiedelten neue Kontinente und bauten riesige Imperien auf, die sich über den gesamten Globus erstreckten. Doch 1945 schrumpfte der Westen zum ersten Mal seit dem Zeitalter des Kolumbus. Europa lag in Trümmern. Die Hälfte lebte hinter einem Eisernen Vorhang, und der Rest schien bald folgen zu wollen. Die großen westlichen Imperien waren in einen endgültigen Niedergang geraten, beschleunigt durch gottlose kommunistische Revolutionen und antikoloniale Aufstände, die die Welt verändern und in den kommenden Jahren weite Teile der Landkarte mit dem roten Hammer und der Sichel überziehen sollten.
Rubios allgemeine historische Einschätzung ist richtig. Der europäische Kolonialismus war etwa von 1492 – als die Amerikas für Eroberung und Versklavung zugänglich wurden – bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts auf dem Vormarsch. Nach der Niederlage des Faschismus im Zweiten Weltkrieg, angeführt von der Sowjetunion und unter enormen Opfern in China, wurde der europäische Kolonialismus durch den raschen Aufstieg sowohl kommunistischer als auch nationaler Befreiungsbewegungen verdrängt, wobei sich die Kommunist*innen in Vietnam (1945), China (1949) und Kuba (1959) gegen alle Widrigkeiten durchsetzten und die kommunistische Entwicklung in ärmeren Ländern anstießen.

Rubio wurde in Miami, Florida, geboren. Seine Eltern verließen Kuba 1956, etwa drei Jahre vor der kubanischen Revolution. In seiner Rede macht Rubio deutlich, dass er sich ganz und gar als Erbe des christlichen Europas versteht, aber nichts von der reichen Kultur des Kubas, dass seine Eltern kannten – einer Kultur, die ebenso sehr auf dem Erbe Afrikas, Asiens und der indigenen Völker Amerikas basiert wie auf dem der asturischen, galicischen und katalanischen Einwanderer*innen von der Iberischen Halbinsel. Die kubanische Revolution versuchte schrittweise, die alten rassistischen Hierarchien der Plantagengesellschaft abzubauen und eine Gesellschaft gleichberechtigter kubanischer Bürger*innen aufzubauen. Das ist die Art von Dekolonialisierung, die Rubio verabscheut.
In der Ära der Dekolonialisierung und des Sozialismus, so Rubio, «glaubten viele, dass die Vorherrschaft des Westens zu Ende vorbei sei und unsere Zukunft nur noch ein schwacher Abklatsch unserer Vergangenheit sein würde». Aber die Anführer*innen der atlantischen Welt gaben nicht nach. «Unsere Vorgänger erkannten, dass der Niedergang eine Entscheidung war, und sie weigerten sich, diese Entscheidung zu treffen.»

Rubio argumentierte, dass die Führung des Westens heute standhaft bleiben und das, was er als unvermeidlichen Niedergang darstellt, ablehnen, die westlichen Werte gegen den Kommunismus verteidigen und sich neuen Formen des Kolonialismus (sei es in Gaza oder in der westlichen Hemisphäre) verschreiben müsse. Mit welcher Art von Europa streben die Vereinigten Staaten eine Allianz an? Mit Rubios Worten: «Mit einem Europa, das den Geist der Schöpfung und Freiheit hat, der Schiffe auf unbekannte Meere schickte und unsere Zivilisation geboren hat» – mit anderen Worten, ein kolonialistisches Europa für ein imperiales Amerika. Die europäischen Staats- und Regierungschefs im Saal begrüßten Rubio mit Standing Ovations. Sie haben kein Problem mit ein paar Kolonialkriegen, wenn die Vereinigten Staaten ihnen militärische Unterstützung und Schutz bieten. Rubios Rede löste keine Empörung aus, keine Bestürzung über die unverhohlene Zurschaustellung westlichen Chauvinismus und Kolonialismus. Für die europäischen Staats- und Regierungschefs scheint es inakzeptabel zu sein, Europas demokratische Normen zu kritisieren, aber völlig akzeptabel, sich für die Rückkehr des westlichen Kolonialismus einzusetzen.
Während im Globalen Süden eine neues Begehren aufkommt, Souveränität auszuüben und ein würdiges Leben für die Völker Afrikas, Asiens und Lateinamerikas aufzubauen, feiern die Oberhäupter des globalen Nordens das Zeitalter Kolumbus’ und bejubeln eine Rückkehr zu jener Ära. Sie wollen in ihre Museen einbrechen, Morriones (die Helme der Konquistadoren) aufsetzen, in ihre Lockheed Martin F-35 Lightning II-Kampfflugzeuge steigen und die Völker des Südens in Grund und Boden bombardieren. Das haben die Vereinigten Staaten am 3. Januar 2026 mit Venezuela gemacht, das machen sie mit Palästina und das wollen sie mit Kuba und der Sahelzone machen. Sie mögen über eine enorme Militärmacht verfügen, die sie mit ihren geraubten Schätzen aufgebaut haben, und sie mögen in der Lage sein, diese Macht einzusetzen, um großen Teilen der Menschheit Angst einzuflößen, aber sie werden niemals Respekt oder Unterwerfung erlangen. Das wird deutlich aus den Reaktionen weltweit auf die flagrante Verletzung der Souveränität Venezuelas, aus der Art und Weise, wie sich die Menschen angesichts der Versuche, die kubanische Revolution zu ersticken, zur Unterstützung Kubas versammelt haben, und aus der Empörung fast aller Bewohner*innen dieses Planeten über den anhaltenden Völkermord an den Palästinenser*innen.

Im Dezember 2025 verabschiedete das Unterhaus des algerischen Parlaments einstimmig einen Gesetzentwurf, in dem die französische Kolonialisierung ihres Landes von 1830 bis 1962 als Verbrechen gegen die Menschlichkeit erklärt wurde. Die algerische Regierung hatte zuvor bei der Afrikanischen Union (AU) auf dieses Thema gedrängt, die im Februar 2026 eine Resolution verabschiedete, um den 30. November zum afrikanischen Gedenktag für afrikanische Märtyrer und Opfer des transatlantischen Sklavenhandels, der Kolonialisierung und der Apartheid zu erklären, eine internationale Konferenz über die Verbrechen des Kolonialismus einzuberufen, der in der Resolution als «Völkermord an den Völkern Afrikas» bezeichnet wird, und «internationale Anerkennung und Wiedergutmachung für diese historischen Verbrechen» zu fordern. Auf der AU-Sitzung erklärte der ghanaische Präsident John Dramani Mahama, sein Land werde im März 2026 bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen eine Resolution einbringen, um den transatlantischen Sklavenhandel als «schwerstes Verbrechen gegen die Menschlichkeit» anzuerkennen. «Alle Menschen afrikanischer Herkunft warten auf diesen Tag», sagte Mahama. «Die Wahrheit kann nicht begraben werden. Die rechtlichen Grundlagen sind solide, die moralische Verpflichtung unbestreitbar.»
Auf der einen Seite des Mittelmeers sieht der Globale Norden die Kolonialisierung als etwas Positives an und macht sich für dessen Rückkehr stark, während auf der anderen Seite der Globale Süden sie mit historischen Fakten verurteilt und Reparationen fordert. Mahamas Äußerungen folgen auf die Veröffentlichung von Kwesi Pratt Jr.s Buch Reparations: History, Struggle, Politics, and Law («Wiedergutmachungszahlungen: Geschichte, Kampf, Politik und Recht»), für das Mahama ein prägnantes Vorwort verfasst hat. In dem Buch, das in Accra veröffentlicht und dann auf dem AU-Gipfel in Malabo (Äquatorialguinea) im Juli 2025 vorgestellt wurde, argumentiert Pratt, dass der Globale Norden den afrikanischen Völkern zwischen 2 und 3 Billionen Dollar an unbezahlten Löhnen und zwischen 4 und 6 Billionen Dollar für unbezahlte koloniale Ausbeutung schuldet. Zusammen ergibt dies einen Betrag zwischen 6 und 9 Billionen Dollar. Am oberen Ende entspricht dies einem Zehntel des jährlichen BIP des Globalen Nordens und ist weitaus höher als die gesamte Auslandsverschuldung des afrikanischen Kontinents in Höhe von 1,5 Billionen Dollar (das Mindeste, was als Geste der Reue getilgt werden sollte).

Unterdessen legte Premierminister Gaston Browne von Antigua und Barbuda in der Karibik seinen Anzug ab, setzte sich ein Bandana auf und veröffentlichte unter dem Namen «Gassy Dread» gemeinsam mit Reggae-Star Gramps Morgan im Februar 2026 die Single «Reparations». Hier ein Auszug aus dem Text:
Wiedergutmachung, Gerechtigkeit muss sein
Afrika und die Karibik vereint.
Keine milden Gaben, sondern Rückgabe
von geraubter Arbeit und Gold,
Über den Ozean, vom Land einst getrennt,
mit Ketten am Fuß, von der Peitsche gebrannt.
Doch Jahs Licht trug uns durch Sturm und Nacht,
Jetzt ist ein neuer Tag der Gerechtigkeit erwacht.
…
Sie plünderten Körper, Diamanten und Zuckerrohr.
Generationen trugen die Last und den Schmerz.
Doch stark ist das Volk, wir leben noch immer.
Jetzt ist die Zeit, dass Gerechtigkeit kommt:
Wiedergutmachung, Gerechtigkeit muss sein.
In der Tat. Premierminister Browne sollte Marco Rubio und allen europäischen Regierungschefs einen Link zu seinem Lied schicken. Rubio sehnt sich nach dem kolonialen «Geist», der Schiffe in «unbekannte Gewässer» schickte. Aber die Menschen im Globalen Süden erinnern sich daran, was diese Schiffe transportierten – und was sie mitnahmen. Wenn die atlantische Welt von «Zivilisation» sprechen will, dann soll sie mit Wiedergutmachung beginnen: mit der Streichung unrechtmäßiger Schulden, der Rückgabe gestohlenen Reichtums und der Zahlung von Reparationen für Jahrhunderte kolonialer Plünderung und neokolonialer Ausbeutung. Die Ära der kolonialen Straflosigkeit ist vorbei. Gerechtigkeit muss herrschen.
Herzlichst,
Vijay

