Der siebzehnte Newsletter (2026)

Liebe Freund*innen,
Grüße aus dem Büro von Tricontinental: Institute for Social Research.
Während einiger der schlimmsten Tage des illegalen Krieges der USA und Israels gegen den Iran sprach ich mit Freund*innen, die sich in den bombardierten Zivilgebieten befanden. Einige von ihnen sind Wissenschaftler*innen, andere Dichter*innen und Kunstschaffende, manche arbeiten in der Regierung, andere in Institutionen verschiedener Art. Jede*r, unabhängig von der eigenen Einstellung gegenüber der Regierung, zeigte sich unerschrocken. Keine einzige Person hatte das Gefühl, dass ihre Welt bedroht sei. Sie blieben standhaft, und ihr Mut entspringt einem unerschütterlichen Glauben an die Widerstandsfähigkeit der iranischen Zivilisation.
Das marxistische Denken und die nationale Befreiungsbewegung haben eine sehr komplexe Geschichte im Umgang mit dem Begriff «Zivilisation». Der klassische Marxismus lehnte ihn ab, da er soziale Spaltungen unter dem Deckmantel kultureller Homogenität verwischen und damit die Notwendigkeit des Klassenkampfes negieren konnte. Doch als der Marxismus zu einem entscheidenden Rahmen für die großen antikolonialen Kämpfe nach dem Antifaschistischen Weltkrieg wurde, kehrte der Begriff der Zivilisation mit einer neuen Bedeutung zurück. Zivilisation wurde nun als wertvolles Terrain im kulturellen Kampf gegen den Imperialismus verstanden. Sie konnte zu einem Instrument nationaler Kontinuität und politischer Legitimität werden, anstatt lediglich eine ideologische Maske für Klassenherrschaft zu sein. Doch diese Rückeroberung der Zivilisation musste vom Standpunkt eines emanzipatorischen Projekts aus erfolgen, das bereit war, mit bestimmten reaktionären Erbelementen innerhalb dieser Zivilisation selbst zu brechen.
Im Falle Chinas beispielsweise bestand der chinesische Marxismus – von Mao Zedong auf den Punkt gebracht – auf einem Bruch mit den schlimmsten Erbteilen des vorrevolutionären Chinas, wie der konfuzianischen Hierarchie und dem Sexismus, während er gleichzeitig durch Klassenkampf und ideologische Transformation den Begriff der «chinesischen Zivilisation» als Bollwerk gegen den Imperialismus und für die Entwicklung des nationalen Patriotismus übernahm.

Die iranische Revolution (1978–1979) wurde von einer Vielzahl politischer Kräfte getragen, darunter auch Marxist*innen, von denen viele in der Folge von der neu gegründeten Islamischen Republik verfolgt und getötet wurden. Trotz ihrer Unterdrückung fanden marxistische Ideen Eingang in das ideologische Gerüst der Islamischen Republik, sei es durch das Wirken einer Reihe von Denker*innen mit eigener marxistischer Vergangenheit wie Ehsan Tabari (1917–1989), Jalal Al-e Ahmad (1923–1969), Ali Shariati (1933–1977), Bijan Jazani (1938–1975) oder Khosrow Golsorkhi (1944–1974). Ich wünschte, ich könnte mehr über diese Denker*innen schreiben, aber das würde ein ganzes Buch füllen. Am beeindruckendsten war Golsorkhi, der in der Blüte seines Lebens getötet wurde. Er erklärte während seines Prozesses gegenüber einem verunsicherten Richter:
Ich beginne meine Ausführungen mit einem Spruch von Mowla [Imam] Hossein, einem großen Märtyrer für die Völker des Nahen Ostens. Ich, der ich Marxist-Leninist bin, suchte soziale Gerechtigkeit zunächst in der Schule des Islam und gelangte von dort zum Sozialismus. Ich werde vor diesem Gericht weder um mein Leben noch um meine Lebensdauer feilschen. Ich bin nur ein unbedeutender Tropfen im Meer der Kämpfe und Entbehrungen der kämpfenden Völker des Iran … Ja, ich werde nicht um mein Leben feilschen, denn ich bin das Kind eines kämpfenden und mutigen Volkes. Ich begann meine Worte mit dem Islam. Der wahre Islam im Iran hat stets seine Schuld gegenüber den Befreiungsbewegungen des Iran beglichen. Die Seyyed Abdollah Behbahanis, die Scheich Mohammad Khiyabanis sind wahre Verkörperungen dieser Bewegungen. Und auch heute noch begleicht der wahre Islam seine Schuld gegenüber den nationalen Befreiungsbewegungen des Iran. Wenn Marx sagt: «In einer Klassengesellschaft häuft sich Reichtum auf der einen Seite an und Armut, Hunger und Elend auf der anderen, während diejenigen, die den Reichtum produzieren, selbst benachteiligt sind», und Mowla [Imam] Ali sagt: «Kein Palast wird errichtet, ohne dass Tausende verarmen», gibt es eine tiefgreifende Ähnlichkeit. So kann man Mowla [Imam] Ali als den ersten Sozialisten der Geschichte bezeichnen, ebenso wie die Salman Farsis und Abu Dharr Ghaffaris.
Zur Zeit der Revolution war der iranischen Linken – gespalten zwischen den Fedayeen-Guerillas, der kommunistischen Tudeh-Partei und den islamistisch-revolutionären Mudschaheddin – klar geworden, dass sie den Schah ohne die religiösen Kräfte nicht stürzen konnte. Doch sie unterschätzte die Macht der Geistlichen über die iranische Gesellschaft, einschließlich der Arbeiterklasse. Es war diese Fehleinschätzung, die die iranische Revolution innerhalb eines Jahres in die Islamische Republik verwandelte. Doch anstatt eine gewöhnliche Theokratie zu bilden, griff der postrevolutionäre Iran auf ein viel älteres zivilisatorisches Erbe zurück, das sich auf die Herrschaft von Kyros dem Großen (559–530 v. Chr.) und das Achämenidenreich (ca. 550–330 v. Chr.) bezog – eine Periode rund zweitausend Jahre vor der Einführung des Schiismus als Staatsreligion im Iran während des Safawidenreichs (1501–1736). Es ist dieses ältere zivilisatorische Erbe, das eine grundlegende Rolle in der iranischen Gesellschaft spielt und es ihr ermöglicht, interne Differenzen zu absorbieren und in Zeiten schrecklicher Krisen eine tiefere historische Legitimität als Grundlage für die Verteidigung der Souveränität heranzuziehen. Im Jahr 1971 veranstaltete der Schah in Persepolis eine riesige Feier, um 2.500 Jahre ununterbrochener Zivilisation seit Kyros dem Großen zu feiern. Später, während des irakischen Angriffskriegs gegen den Iran von 1980 bis 1988, als Saddam Hussein versuchte, den Konflikt als Krieg der Araber gegen die Perser darzustellen, lehnte die Islamische Republik diesen Rahmen ab und bestand darauf, dass es sich vielmehr um eine «Verteidigung des Vaterlandes» (دفاع از وطن, defa’ az vatan) handele, wobei sie sich auf die Vorstellung eines unbesiegten und unkolonialisierten Landes stützte, das von seinem Volk um jeden Preis verteidigt werden müsse.

Für diejenigen, die nicht aus kolonialisierten Gesellschaften stammen, ist es schwer, die Kraft von Aussagen wie «Verteidigung des Vaterlandes» und der Idee des zivilisatorischen Erbes zu verstehen. Der Schaden, den der Kolonialismus so vielen sozialen Formationen zugefügt hat, ist enorm. Der Kolonialismus raubt Reichtum und investiert ihn anderswo in die Entwicklung anderer Völker; er verunglimpft die Kulturen der kolonialisierten Völker und verweigert ihnen oft ihre eigene Sprache und ihr eigenes Gefühl für eine historische Mission. Deshalb staunen so viele Menschen im Globalen Süden darüber, dass der Iran in der Lage war, sich gegen die Vereinigten Staaten zu behaupten und den aktuellen Konflikt strategisch zu gewinnen.
Für diejenigen, die eine solche Geschichte der Auslöschung teilen, ist es geradezu inspirierend, die Würde zu erleben, die Gesellschaften wie China oder der Iran an den Tag legen, wo es weniger notwendig ist, kulturellen Stolz aus Wahnvorstellungen (durch die Erfindung imaginärer Vergangenheiten) oder durch die Verunglimpfung anderer (seien es Minderheiten oder Ausländer*innen) zu schmieden. Da die Kultur an solchen Orten nicht vollständig durch die Kolonialisierung zerstört wurde, können sie ihre eigene Geschichte zurückerobern und rekonstruieren, ohne sich völlig in falschen Gegenbewegungen zum Westen zu verstricken (die oft zu gleichen Teilen aus Ablehnung und Nachahmung bestehen). Es ist jene Art von Selbstbewusstsein, die der zerstörerischen Macht der Vereinigten Staaten mit Würde begegnet und den Mut hat, mit Lego-Memes über Trump und seinen Vertrauten zu antworten, die nicht aus leerem Spott, sondern aus echter Verachtung schöpfen.

Im Dezember 1997 veröffentlichte die Organisation der Islamischen Konferenz (OIC) die Teheraner Erklärung, in der der Gedanke eines «Dialogs der Zivilisationen» vorgebracht wurde. Es war eine direkte Reaktion auf Samuel Huntingtons Aufsatz aus dem Jahr 1993 und sein 1996 erschienenes Buch «Der Kampf der Kulturen und die Neugestaltung der Weltordnung». In diesem ersten Aufsatz, der in Foreign Affairs veröffentlicht wurde, prognostizierte Huntington, dass «der Konflikt zwischen den Zivilisationen die neueste Phase in der Entwicklung von Konflikten in der modernen Welt sein wird». Für Huntington hatte sich die Geschichte vom Kampf der Ideologien (Kommunismus gegen Kapitalismus) zum Kampf der Zivilisationen verschoben (diese unterteilte er entlang religiös-kultureller Grenzen in «westliche, konfuzianische, japanische, islamische, hinduistische, slawisch-orthodoxe, lateinamerikanische und möglicherweise afrikanische Zivilisation»). Huntington warnte, dass die neuen Konfliktlinien entlang dieser Achsen verlaufen würden. Die OIC warnte, dass diese Sichtweise auf die Welt genau den Konflikt hervorrufen könnte, den sie zu beschreiben vorgab, anstatt ihn zu verhindern, und dass es besser wäre, einen Dialog der Zivilisationen zu führen, anstatt auf den Konflikt zwischen ihnen zu warten.
Die Teheraner Erklärung fand innerhalb der Vereinten Nationen (UN) Anklang, nicht jedoch in den Regierungsgebäuden westlicher Hauptstädte, wo die Rhetorik des «Kriegs gegen den Terror» – die bereits vor 2001 existierte – außer Kontrolle geriet. Die Angst vor dem Islam wurde zur Normalität und schnell mit der Angst vor Migrant*innen verknüpft – eine doppelte Angst, die Europa und Amerika bis heute lähmt. 1998 erklärte die UNO das Jahr 2001 zum Jahr des Dialogs zwischen den Zivilisationen, und auf der 31. Generalkonferenz der Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur, die vom 15. Oktober bis zum 3. November 2001 in Paris stattfand, wählte sie den iranischen Philosophen und Diplomaten Ahmad Jalali zu ihrem Präsidenten und lud den iranischen Präsidenten Seyyed Mohammad Khatami ein, vor dem Gremium zu sprechen. Die Konferenz fand etwas mehr als einen Monat nach den Anschlägen auf die USA im September und während der US-Invasion in Afghanistan im Rahmen des «Globalen Krieges gegen den Terror» statt. Khatamis Rede ist nach wie vor eindringlich und fordert die Welt auf, sich nicht «falschen politischen Polarisierungen und Spaltungen» zu beugen. Terrorismus «ist das Ergebnis der finsteren Verbindung zwischen blinder Intoleranz und roher Gewalt, mit dem Ziel, einer Illusion zu dienen, die trotz aller Propaganda nichts anderes ist als die Projektion der schädlichen Inhalte des Unbewussten».

Wenn es zu einem Terroranschlag kommt, sei es das Schlimmste, so Khatami, mit Rache zu reagieren. «Rache ist wie Salzwasser, das zwar wie Wasser aussieht, aber den Durst nur verstärkt, anstatt ihn zu stillen, und so die Welt in einen endlosen Kreislauf aus Gewalt, Hass und Rache verstrickt.» Anstelle von Rache, betonte Khatami, sei der Dialog «das wichtigste Bedürfnis der internationalen Gemeinschaft».
Ein Aufruf zum Dialog ist wichtig und notwendig, denn die Alternative treibt uns in die Vernichtung – sowohl durch das System des Kapitalismus, das Ungleichheit vertieft und die Zerstörung des Planeten vorantreibt, als auch durch das System des Imperialismus, das Gesellschaften mit Krieg verschlingt. Doch weder Zivilisation noch Dialog allein werden die Geschichte in Richtung menschlicher Emanzipation treiben. Dazu muss sich der Klassenkampf mit der Zeit verschärfen, müssen menschliche Bedürfnisse materielle Ungleichheiten und Machtverhältnisse überwinden, und muss das globale System so umgestaltet werden, dass es unseren komplexen Schicksalen gerecht wird, anstatt uns gegeneinander aufzubringen.

Carlos Gutiérrez Cruz (1897–1930) entwickelte sein poetisches Talent inmitten der literarischen Strömungen des postrevolutionären Mexikos, darunter auch der patriotischen Gruppe Contemporáneos («Zeitgenossen»), brach jedoch später mit ihnen, als er sich zunehmend radikalisierte. 1923 veröffentlichte er Cómo piensa la plebe, folleto de propaganda libertaria en haikais («Wie das Volk denkt: Eine Broschüre zur Befreiungspropaganda in Haikais»), die die in Mexiko mit José Juan Tablada (1871–1945) verbundene Haikai-Form zu einem Vehikel für kommunistische Poesie machte. Gutiérrez Cruz erkannte, dass es keinen Sinn machte, die Nation zu verteidigen, wenn die Massen der Arbeiter*innen nichts davon haben. Dieser Punkt muss hier wiederholt werden: Eine Zivilisation kann nicht als Abstraktion verteidigt werden. Wenn sie irgendeine Bedeutung haben soll, muss sie als lebendiges Zeugnis derer verteidigt werden, die Geschichte schreiben. Wie er es in einem seiner Haikais formulierte:
Labriego, la tierra da ciento por uno
y tú ganas uno por ciento.
Bauer, die Erde gibt hundertfach,
und du verdienst ein Prozent.
Herzlichst,
Vijay

