Der einundzwanzigste Newsletter (2026)

Liebe Freund*innen,
Grüße aus dem Büro von Tricontinental: Institute for Social Research.
1921, wenige Jahre nach Beginn des sowjetischen Experiments, veröffentlichte W. I. Lenin einen Aufsatz mit dem aufschlussreichen Titel «Neue Zeiten, alte Fehler in neuer Gestalt». Der Aufsatz markierte den Auftakt einer gedanklichen Untersuchung, die Lenin bis zu seinem Tod drei Jahre später beschäftigen sollte. Was ihn faszinierte, war die Frage, wie man den Sozialismus in einem vom Krieg verwüsteten Land aufbauen könne, das nur über minimales Kapital verfügte, eine überwiegend bäuerliche Gesellschaft mit hoher Analphabetenrate (rund 70 %) war und keine öffentliche Verwaltung besaß, die fähig wäre, einen sozialistisch orientierten Staat zu führen. In dem Aufsatz reflektierte Lenin:
Nach den gewaltigen, in der Welt noch nie dagewesenen Anstrengungen braucht die Arbeiterklasse in einem kleinbäuerlichen, wirtschaftlich zerrütteten Land, eine Arbeiterklasse, die durch Deklassierung stark mitgenommen ist, eine bestimmte Zeit, damit neue Kräfte heranwachsen und nachrücken können, damit die alten und abgenutzten „repariert” werden können. (…) Das muß man begreifen und mit der Notwendigkeit, richtiger: mit der Unvermeidlichkeit eines verlangsamten Zuwachses neuer Kräfte der Arbeiterklasse rechnen.
Dieser Newsletter widmet sich der Idee der «Zeit», die notwendig ist, damit ein «zerrüttetes Land» aus seiner Rückständigkeit heraus zum Sozialismus wiederbelebt werden kann (ich dachte an diese Frage, als ich unser 100. Dossier, «The Future», noch einmal gelesen habe). Wir werden diese Idee im Zusammenhang mit der Langsamkeit des Reifeprozesses des Sozialismus erörtern, während die kapitalistische Gesellschaft in der Krise zittert. Das Konzept der «langsamen Reifung» wird hier vorgestellt und in der Arbeit unseres Instituts weiter vertieft.

Alle sozialistischen Revolutionen in der modernen Welt fanden in den ärmeren Nationen statt, in denen die Bauernschaft vorherrscht und in denen der Reichtum systematisch aus ihrem Territorium in ferne Länder abgezogen wurde. In diesen ärmeren Ländern mussten die neuen revolutionären Regierungen – sei es in der Sowjetunion (1917), in Vietnam (1945), in China (1949) oder in Kuba (1959) – ihre eigene staatliche Leistungsfähigkeit quasi aus dem Nichts aufbauen und Kapital für den Aufbau von Infrastruktur und Industrie beschaffen. Weder staatliche Kapazitäten noch Kapital standen diesen revolutionären Prozessen ohne Weiteres zur Verfügung, was sie dazu zwang, auf eine Weise zu experimentieren, die nicht angemessen dokumentiert wurde. Hier sind sechs Punkte, die auf dem basieren, was wir über diese Prozesse wissen, und die als Grundlage dienen, um eine Theorie des Konzepts der «langsamen Reifung» zu entwickeln. Wir ermutigen euch, uns eure eigenen Ideen zu diesem Konzept zu schreiben, basierend auf euren Erfahrungen und Studien.
1. Vertrauen wächst langsam, und alte Gewohnheiten lassen sich nur schwer ablegen.
Revolutionäre Regierungen erben Strukturen, die über Generationen hinweg durch alte Kasten- und Stammeshierarchien aus agrarischen Verhältnissen, durch koloniale Demütigung und Enteignung sowie durch totale soziale Entbehrung geprägt wurden. Die Bolschewiki in der Sowjetunion stellten beispielsweise schnell fest, dass die alte zaristische Bürokratiekultur im Oktober 1917 nicht verschwunden war. Korruption, Unterwürfigkeit gegenüber Autoritäten und Misstrauen gegenüber kollektiven Institutionen hielten sich noch jahrelang. In China sah sich die Kommunistische Partei nach der Revolution von 1949 wiederholt mit den Überresten der konfuzianischen Hierarchie, regionalen Patronagesystemen und den Überlebensgewohnheiten der Bäuer*innen konfrontiert, die sich über Jahrhunderte der Unsicherheit herausgebildet hatten. In Kuba sprach die revolutionäre Führung nach 1959 offen davon, einen «neuen Menschen» zu schaffen, weil sie verstanden hatte, dass sozialistisches Bewusstsein nicht über Nacht per Gesetz verordnet werden konnte.
Menschen, die die Gewalt des Kolonialismus und die Ungleichheiten des Kapitalismus durchleben, lernen, sich individuell oder durch familiäre Netzwerke zu schützen. Damit ein sozialistisches Projekt gelingen kann, müssen die Menschen lernen, kollektiven Systemen zu vertrauen. Dieses Vertrauen wächst langsam durch Erfahrung – durch Schulen, die funktionieren, Kliniken, die heilen, Wohnungen, die Schutz bieten, und Institutionen, die Bestand haben. Eine Revolution kann die Staatsmacht schnell an sich reißen, aber sie kann die Sozialpsychologie nicht rasch verändern.

2. Handels- und Finanznetzwerke begünstigen die bestehende globale Ordnung.
Der Kapitalismus dominiert nicht nur durch Ideologie, sondern auch durch fest verankerte Handels- und Finanznetzwerke sowie durch die Verkehrs- und Kommunikationsinfrastruktur. Länder, die eine sozialistische Transformation anstreben, treten in eine Welt ein, die bereits auf kapitalistische Akkumulation ausgerichtet ist. Nach der Russischen Revolution hatte die Sowjetunion zu kämpfen, weil industrielle Lieferketten, Bankennetzwerke und Handelswege von feindlichen kapitalistischen Mächten kontrolliert wurden. Kubas Erfahrungen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahr 1991 zeigten dies deutlich: Die Insel verlor fast über Nacht den Zugang zu Treibstoff, Ersatzteilen, Krediten und Handelsbeziehungen, da die Weltwirtschaft um Systeme herum strukturiert war, von denen Kuba weitgehend ausgeschlossen war (und von denen es nun durch das illegale, von den USA verhängte Ölembargo noch weiter ausgeschlossen wird). Vietnam stand nach der Wiedervereinigung 1975 vor enormen Schwierigkeiten beim Wiederaufbau einer vom Krieg zerstörten Wirtschaft, während es außerhalb der dominanten Finanz- und Handelskreisläufe blieb. Bestehende Systeme reproduzieren sich selbst, weil jede Institution, von Häfen über Währungen bis hin zu Software-Standards, zu ihren Gunsten funktioniert. Der Aufbau alternativer Netzwerke dauert Jahrzehnte, nicht Jahre.
3. Die Kapital- und Infrastrukturkosten sind immens in Ländern, die durch den Kolonialismus verarmt sind.
Als die vietnamesischen Revolutionär*innen den US-Imperialismus besiegten, erbten sie ein Land, das durch Bombardements physisch verwüstet und durch Agent Orange chemisch vergiftet war. Kuba erbte eine auf Zucker-Monokulturwirtschaft, die fast ausschließlich an die Vereinigten Staaten gebunden war. China ging 1949 aus einem Jahrhundert der Demütigung und des Kriegsherrentums, des japanischen Imperialismus und des Bürgerkriegs hervor – mit niedriger Lebenserwartung, massenhaftem Analphabetismus und schwacher industrieller Kapazität.
Diese Revolutionen mussten Eisenbahnen und Häfen, Schulen und wissenschaftliche Einrichtungen, Stromnetze und Stahlwerke aufbauen – fast von Grund auf. Die kapitalistischen Länder des Nordatlantiks industrialisierten sich über Jahrhunderte hinweg, finanziert durch Sklaverei, koloniale Plünderung und imperiale Tributzahlungen. Von den sozialistischen staatlichen Institutionen in ärmeren Ländern, die kolonialisiert worden waren, wurde erwartet, dass sie diesen Prozess unter Blockade oder militärischer Bedrohung auf wenige Jahrzehnte verkürzten, und sie wurden dann des Staatsversagens bezichtigt. Die schiere materielle Belastung verlangsamte den Wandel.

4. Äußerer Druck – wie Sanktionen, Sabotage, diplomatische Isolation und Krieg – verlangsamt die Entwicklung.
Jeder revolutionäre Staat in der Dritten Welt war mit militärischer Bedrohung oder wirtschaftlichen Sanktionen konfrontiert. Die Sowjetunion wurde nach 1917 von Soldaten aus über einem Dutzend fremder Länder überfallen und sah sich später der Invasion der Nazis gegenüber, bei der mindestens 27 Millionen Sowjetbürger*innen ums Leben kamen und Zehntausende Städte und Dörfer zerstört wurden. Kuba hat jahrzehntelange US-Sanktionen ertragen, die ausdrücklich darauf abzielten, Versorgungsengpässe und soziale Unzufriedenheit zu erzeugen. Chiles Regierung der Unidad Popular versuchte einen Strukturwandel, sah sich jedoch sofortiger wirtschaftlicher Destabilisierung, Widerstand der Elite und externer Intervention ausgesetzt, noch bevor sich langfristige Reformen festigen konnten. Nicaraguas sandinistische Regierung sah sich einem von den Vereinigten Staaten finanzierten Contra-Krieg und der Verminung der Häfen des Landes, darunter Corinto, gegenüber. Vietnam führte von 1945 bis 1975 einen antikolonialen Krieg.
Diese Belastungen verschlangen Ressourcen, die für die soziale Entwicklung vorgesehen gewesen wären. Sanktionen erhöhen die Transaktionskosten, schränken den Zugang zu Technologie ein und verursachen chronische Versorgungsengpässe. Krieg zerstört die Infrastruktur und lenkt Arbeitskräfte in den Verteidigungsbereich um. Unter diesen harten Bedingungen entstehen Ineffizienzen nicht aus Ideologie oder Planungsfehlern, sondern aus den permanenten Notzuständen, die von feindlichen Mächten aufgebürdet werden.
5. Jeder Prozess ist in den Anfangsphasen ineffizient.
Revolutionäre Staaten versuchen, neue Verwaltungssysteme zu schaffen und gleichzeitig das Bildungs- und Gesundheitswesen auszubauen sowie Agrarreformen und die industrielle Entwicklung voranzutreiben. Fehler und bürokratische Verwirrung, Engpässe und Versorgungsknappheiten sind dabei unvermeidlich. Das frühe sowjetische Planungssystem hatte mit Koordinierungsproblemen zu kämpfen, da es keinen historischen Präzedenzfall für die Verwaltung einer kontinentalen Wirtschaft gab, die eher auf sozialer Gerechtigkeit als auf Profit beruhte. Chinas Kommunen und industrielle Experimente litten unter mangelndem Fachwissen und einer uneinheitlichen Umsetzung vor Ort. In Kuba verschärfte sich der Mangel an ausgebildeten Fachkräften, als viele nach der Revolution nach Miami flohen.
Die öffentliche Verwaltung lernt durch Praxis. Institutionen reifen durch Versuch und Irrtum. Von sozialistischen Regierungen in ärmeren Ländern wird erwartet, dass sie sofort Effizienz erzielen, während sie mit Embargos, niedrigen Alphabetisierungsraten und technologischer Knappheit konfrontiert sind. Anfängliche Ineffizienz ist daher keine Ausnahme, sondern charakteristisch für jede groß angelegte gesellschaftliche Transformation.

6. Kurze Wahlzyklen behindern den sozialen Wandel.
Sozialer Wandel erfordert Planungshorizonte, die sich in Jahrzehnten bemessen – nicht in den vier- oder fünfjährigen Wahlzyklen, die den unmittelbaren Konsum gegenüber dem langfristigen Wiederaufbau bevorzugen. Revolutionäre Regierungen brauchen Geduld, bevor sichtbare Erfolge eintreten. Selbst außerhalb explizit sozialistischer Staaten sehen sich Regierungen, die Umverteilungs- oder Entwicklungsprogramme anstreben, oft Sabotage durch Wahlen ausgesetzt, noch bevor Projekte ausgereift sind. Transformative Politik erfordert Kontinuität, doch Wahlsysteme, die von Medienzyklen und finanziellem Druck geprägt sind, belohnen kurzfristiges Handeln. Sozialistische Experimente sahen sich daher immer wieder mit dem Widerspruch zwischen historischer Zeit (der langen Dauer, die für den Umbau der Gesellschaft benötigt wird) und Wahlzeit (dem komprimierten Rhythmus der modernen Politik) konfrontiert.

In Bertolt Brechts «Die Mutter» (1931) kämpft sich die Hauptfigur Pelagea Wlassowa durch eine Tragödie nach der anderen, bis die Russische Revolution sie zum Handeln zwingt. Als sie sich in einer Küche mit mehreren Frauen wiederfindet, von denen eine beklagt, man höre, der Kommunismus sei nichts als ein Verbrechen, antwortet sie mit einem Lied:
Er ist vernünftig, jeder versteht ihn. Er ist leicht.
Du bist doch kein Ausbeuter, du kannst ihn begreifen.
Er ist gut für dich, erkundige dich nach ihm.
Die Dummköpfe nennen ihn dumm, und die Schmutzigen nennen ihn schmutzig.
Er ist gegen den Schmutz und gegen die Dummheit.
Die Ausbeuter nennen ihn ein Verbrechen.
Aber wir wissen:
Er ist das Ende der Verbrechen.
Er ist keine Tollheit, sondern
Das Ende der Tollheit.
Er ist nicht das Chaos
Sondern die Ordnung.
Er ist das Einfache
Das schwer zu machen ist.
Als ich mir zur «langsamen Reifung» Gedanken machte, erinnerte ich mich an Wlassowas Lied. Wlassowa arbeitete ihr ganzes Leben lang, hatte aber außer ihrer Würde wenig vorzuweisen. Sie hatte vielleicht keine umfassende Bildung, aber sie war bei klarem Verstand. Sie wusste, dass der Kommunismus eine «einfache Sache» ist, aber sie war niemand, der in einer Traumwelt lebte. Es ist einfach, aber «schwer zu machen».
Herzlichst,
Vijay

