Der zweiundzwanzigste Newsletter (2026)

Liebe Freund*innen,
Grüße aus dem Büro von Tricontinental: Institute for Social Research.
Am 11. und 12. Mai stand der französische Präsident Emmanuel Macron beim Africa Forward Summit in Nairobi, Kenia, vor mehr als dreißig afrikanischen Staatschefs und verkündete: «Wir sind die wahren Panafrikanisten.» Diese außerordentlich widerwärtige Aussage war zwischen bürokratische Banalitäten zu «Wachstum», «Innovation» und «Partnerschaften» eingebettet.
In einem offenen Brief antwortete die togolesische Schriftstellerin Farida Bemba Nabourema darauf: «Panafrikanismus ist in seinem Kern die politische Philosophie, die Nein zu allem sagte, wozu Frankreich drei Jahrhunderte lang Ja gesagt hatte: Sklaverei, Kolonialismus und Neokolonialismus.» Diese Philosophie, geboren «im Bauch der Sklavenschiffe, auf den Plantagenfeldern von Saint-Domingue» von Menschen «die glauben, dass Afrikaner*innen und Menschen afrikanischer Abstammung es verdienen, sich selbst zu regieren», so Nabourema, kann Macrons Charmeoffensive nicht verwässern.
Es war der 29. Frankreich-Afrika-Gipfel (für Nairobi in Africa Forward Summit umbenannt), jedoch der erste, der in einem nicht-französischsprachigen afrikanischen Land stattfand. Auch wenn die Franzosen darauf bestehen, dass eine neue Ära angebrochen sei, die angeblich jenseits des alten Paternalismus des Françafrique liege, war die Ausrichtung des Gipfels in Kenia keine harmlose geografische Veränderung. Sie spiegelt die tiefe Krise der französischen Macht in Westafrika und der Sahelzone wider.

In Ouagadougou, Burkina Faso, wo ich diesen Newsletter schreibe, besteht generell Übereinstimmung für Souveränität und gegen den französischen Neokolonialismus. Volksaufstände und militärische Brüche in Teilen der Sahelzone (Burkina Faso, Mali und Niger) haben langjährige französische Militärvereinbarungen zunichte gemacht und die politische Architektur herausgefordert, durch welche Paris seine Vorherrschaft aufrecht erhielt. Die neuen Regierungen haben französische Truppen ausgewiesen und Verteidigungsabkommen gekündigt, während die Wucht der Volkswut die ideologische Legitimität der französischen Vormundschaft zerstörte. Diese Regierungen haben ihre Einheit gegen den Neokolonialismus durch die Allianz der Sahelstaaten (AES) gefestigt. Keiner der Staatschefs der Sahelstaaten nahm am Africa Forward Summit in Nairobi teil.
Frankreich hat seinen Fokus nach Osten auf das anglophone Afrika verlagert, da es ihm nicht gelungen ist, seine Autorität in der Sahelzone wiederherzustellen – nicht einmal durch militärische Drohungen via Nigeria und die Wirtschaftsgemeinschaft westafrikanischer Staaten. Nun versucht das Land, sich als Partner der afrikanischen Souveränität anstelle des Hüters des Neokolonialismus neu zu positionieren.
Die Formulierungen in der offiziellen Gipfelerklärung entstammen einem lauen, nichtstaatlichen Liberalismus: gemeinsame Entwicklung, digitale Transformation, grüne Industrialisierung, gegenseitiger Respekt, inklusives Wachstum sowie Reform der globalen Governance- und Finanzarchitektur. Doch hinter diesem NGO-Liberalismus verbergen sich die altbekannten Realitäten imperialer Macht: Rohstoffabbau, Schuldenabhängigkeit und, am dramatischsten, Militärabkommen. Der Gipfel fand vor dem Hintergrund wachsender Kritik an einem kürzlich geschlossenen Verteidigungsabkommen zwischen Frankreich und Kenia sowie der Ankunft von Hunderten französischer Soldat*innen in Kenia statt. Die Souveränitätsrhetorik der Konferenz wurde durch die Realität ausländischer militärischer Konsolidierung und wirtschaftlicher Abhängigkeit ad absurdum geführt.
Aus dem Sahel vertrieben, haben sich die Kräfte des Hyperimperialismus – Frankreich, das Vereinigte Königreich und die Vereinigten Staaten – an den Rand der Region zurückgezogen. Es gibt eine US-Militärpräsenz in Ghana und Nigeria sowie einen britischen Militärstützpunkt in Kenia. Bald wird es einen französischen Militärstützpunkt in Kenia geben. Diese militärische Einkreisung verschafft dem Globalen Norden die Infrastruktur, um gegen die AES zu agieren.

Hinter den verschlossenen Türen des Gipfels versammelte sich ein anderes Afrika. Der Pan-Africanism Summit Against Imperialism (PASAI) fand im United Kenya Club statt, der ersten Einrichtung im kolonialen Nairobi, die auch Nicht-Weißen die Mitgliedschaft gestattete. Dies war ein Gegengipfel, an dem echte Panafrikanist*innen und Internationalist*innen teilnahmen, die eine andere Zukunft für den Kontinent formulierten. Die Organisator*innen erklärten, der Africa Forward Summit sei nichts anderes als «Re-Kolonialisierung», wobei die neue Sprache lediglich ältere Ausbeutungssysteme aktualisiere. Die für Europas Energiewende benötigten Mineralien, das für CO₂-Kompensationsprogramme benötigte Land und die für transnationale Profite notwendigen billigen Arbeitskräfte fließen weiterhin aus Afrika ab und hinterlassen auf dem Kontinent nur Armut, Schulden und ökologische Verwüstung. «Wir werden unsere Henker nicht beherbergen», hieß es in der Erklärung des PASAI. «Wir werden nicht die neuen Kasernen für die koloniale Herrschaft sein.»
Diese Worte fassen mehr als ein Jahrhundert afrikanischen Widerstands gegen Kolonialismus und Neokolonialismus zusammen. Sie richten sich nicht nur gegen die französische Macht, sondern gegen die umfassendere neokoloniale Struktur, die die Entwicklung Afrikas weiterhin den Bedürfnissen des internationalen Finanzkapitals unterordnet. Über die Souveränität Afrikas kann nicht in Luxushotels zwischen politischen Eliten des Nordens, Führungskräften multinationaler Konzerne und lokalen Verfechtern der Abhängigkeit verhandelt werden. Souveränität entsteht nicht in Kommuniqués, die hinter verschlossenen Türen verfasst werden, sondern wird durch die demokratische Teilhabe und Organisation von Arbeiter*innen, Bäuer*innen, Student*innen und Frauen aufgebaut. Über die formale Unabhängigkeit hinaus erfordert echte Freiheit eine Agenda zur Kontrolle der Ressourcen, der Gestaltung der sozialen Entwicklung und der geopolitischen Allianzen, die von den Ländern des Südens gestaltet wird. Frankreich versucht, seine Beziehungen zu Afrika durch diplomatische Neuausrichtung und Finanzkapital neu zu ordnen, wobei Teile der herrschenden Klasse Afrikas bereit sind, Abhängigkeit als Modernisierung zu präsentieren, während Millionen von arbeitenden Menschen auf dem Kontinent mit Inflation, Arbeitslosigkeit, Landenteignung, Sparpolitik und zunehmender Repression konfrontiert sind.

Die Kritik von PASAI hatte in Nairobi besonderes Gewicht, da Kenia selbst aus einem der großen antikolonialen Kämpfe des 20. Jahrhunderts hervorgegangen ist. Die Erinnerung an den Mau-Mau-Aufstand (1952–1960) lebt unter der glattgebügelten Sprache von Investitionsgipfeln und diplomatischen Festlichkeiten weiter. Als PASAI-Delegierte zur Statue des kenianischen Freiheitskämpfers Dedan Kimathi zogen und mit Tränengas und Verhaftungen konfrontiert wurden, war die Symbolik unmissverständlich. Kimathi und die «Land- und Freiheitsarmee» (die Mau Mau) führten keinen Krieg gegen den britischen Kolonialismus, damit sich ausländische Truppen unter dem milderen Deckmantel der «Verteidigungszusammenarbeit» erneut auf kenianischem Boden festsetzen könnten. Ebenso wenig kämpften sie dafür, dass die Unabhängigkeit in Schuldenabhängigkeit, Landkonzentration und der Herrschaft von an die internationale Finanzwelt geknüpften Kompradoreneliten gipfelt. Die Unterdrückung der Linken, insbesondere der Communist Party Marxist – Kenya, zeigt, wie gefährlich die Erinnerung und das Erbe der nationalen Befreiung für die herrschenden Klassen sind. Dieses Erbe benennt weiterhin ungelöste Fragen zu Land, Souveränität und Macht im heutigen Afrika.
Kenias eigene intellektuelle und literarische Traditionen warnen seit langem vor dem Verrat an der nationalen Befreiung. Von Mĩcere Gĩthae Mũgos «Daughter of My People, Sing!» (1976) bis zu Ngũgĩ wa Thiong’os «Petals of Blood» (1977) war kenianischen Schriftsteller*innen bewusst, dass das Ende der Kolonialherrschaft nicht automatisch den Abbau der Ausbeutungsstrukturen bedeutete. Ngũgĩs Romane kehrten immer wieder zur Figur der Komprador-Elite zurück, jener lokalen Mittelschicht, die den Kolonialstaat erbt und ihn im Dienste des Kapitals neu ausrichtet. Pio Gama Pinto (1927–1965), einer der großen Märtyrer des kenianischen Sozialismus, warnte davor, dass der Austausch weißer Siedler*innen durch eine schwarze Bourgeoisie keine Befreiung bedeuten würde. Diese Traditionen betonen, dass Souveränität nicht allein auf Flaggen, Hymnen oder Wahlen reduziert werden kann. Sie muss die Kontrolle über Land, Arbeit, Ressourcen und das soziale Schicksal des Volkes selbst bedeuten.

Während des von den Mau Mau angeführten antikolonialen Krieges verbreiteten sich Lieder über das Land, wo sie die Fantasie der Bauernschaft beflügelten, die dann in den Kampf zog. Diese Lieder säten die Philosophie des Antikolonialismus und inspirierten die Menschen, sich zu erheben und gegen enorme Widrigkeiten anzukämpfen. Sie erweckten den antikolonialen Schlachtruf ithaka na wĩyathi («Land und Freiheit») zum Leben – diese Haltung, die nationale Befreiung nicht als Zeremonie, sondern als kollektiven Kampf zu betrachten. Diese Lieder drehten sich um seine Anführer*innen, Schlachten, Feinde und Verräter*innen.
Eines davon ist Twarĩkanĩire («Wir hatten uns geeinigt»), das eine Warnung gegen die letzte Gruppe ist – einer Warnung vor Kämpfer*innen, die sich «darauf geeinigt hatten, einen Baumstamm zu tragen, doch mitten auf dem Fluss rannten einige davon und verkauften unser Haus». «Mũndũ ndangĩrĩa kĩndũ atathithinĩire», sangen sie. «Man isst nicht, wofür man nicht geschwitzt hat.»
Herzlichst,
Vijay

