Der vierundzwanzigste Newsletter (2026)

Liebe Freund*innen,
Grüße aus dem Büro von Tricontinental: Institute for Social Research.
Vom 29. bis 31. Mai versammelten sich Kräfte der südafrikanischen Linken in Johannesburg zur Conference of the Left, der Konferenz der Linken. Es ist wichtig, den Kontext dieses Treffens zu verstehen. Mehr als dreißig Jahre nach dem Ende der formellen Apartheid kämpfen die Menschen in Südafrika immer noch darum, ihre Grundbedürfnisse zu decken, bei einer Arbeitslosenquote von offiziell 32,7 % und 43,7 %, wenn man die entmutigten Arbeitssuchenden – diejenigen, die zwar arbeitsfähig sind, aber nicht mehr nach Arbeit suchen – mit einbezieht. Unterdessen werden die Reichtümer des Landes von multinationalen Konzernen ausgebeutet. Das Versäumnis, diese Ungleichgewichte bei der Schaffung und Verteilung von Wohlstand anzugehen, hat zur Zersplitterung des African National Congress (ANC) geführt, der einst das wichtigste Instrument des nationalen Befreiungskampfes war, – dazu, dass dieser mehr und mehr zu einer Partei der Reichen verkam. Gleichzeitig sind die Kräfte der Linken demoralisiert, während die Rechte, einschließlich der alten Apartheid-Oligarchie, ungehindert wütet.
Genau in diesem Moment haben die Südafrikanische Kommunistische Partei (SACP) und das Lenkungsgremium der Konferenz der Linken eine Reihe politischer Kräfte zusammengebracht, darunter viele Gruppierungen, die sich vom ANC abgespalten haben, um drängende strategische Fragen für Südafrika und andere Länder, die mit ähnlichen Krisen konfrontiert sind, zu erörtern.
Während einer Plenarsitzung zur aktuellen Lage habe ich im Namen unseres Instituts gesprochen. Die folgenden Überlegungen stammen aus diesem Vortrag.

Wenn wir kämpfen, gewinnen wir. Wenn wir zu viel Angst vor dem Scheitern haben, werden wir nichts tun.
Am 30. Mai, jährte sich zum 56. Mal die Gründung des Centre of Indian Trade Unions (CITU), eines Gewerkschaftsverbands, der über sieben Millionen Arbeitnehmer*innen vertritt. Am 12. Februar 2026 schloss sich das CITU anderen zentralen Gewerkschaften und Bauernorganisationen zu einem Generalstreik gegen die neuen Arbeitsgesetze an, die das Recht der Arbeitnehmer*innen auf Tarifverhandlungen schwächen, die Vertragsarbeit fördern und den Weg für längere Arbeitszeiten ebnen. Schätzungsweise 300 Millionen Arbeitnehmer*innen, Bäuer*innen und andere Teile der Arbeiterklasse nahmen an Streikaktionen und Massenmobilisierungen im ganzen Land teil. Indiens Arbeitnehmer*innen kämpfen weiterhin unter schwierigen Bedingungen und treten damit in die Fußstapfen der historischen Bauernrevolte von 2020–2021, als Hunderttausende von Bäuer*innen eine einjährige Protestbewegung aufrechterhielten, die von Hunderten von Millionen von Arbeitnehmer*innen und Kleinbäuer*innen im ganzen Land unterstützt wurde und die Regierung zwang, ihre gegen die Bauernschaft gerichteten Gesetze zurückzuziehen.
Wenn wir kämpfen, gewinnen wir, und selbst wenn wir unsere Ziele nicht sofort erreichen, gewinnen wir Selbstvertrauen und Erfahrung für den nächsten Kampf.
Wir stehen auf den Schultern von mehr als einem Jahrhundert organisierter Kämpfe der Arbeiterklasse, der Bäuer*innen und der nationalen Befreiungsbewegungen. Diese Kämpfe fanden ihren Ausdruck in der Pariser Kommune (1871), der Oktoberrevolution (1917), der vietnamesischen Revolution (1945), der chinesischen Revolution (1949), der kubanischen Revolution (1959) und einer Reihe antikolonialer Siege, darunter die bemerkenswerten und wenig beachteten Ereignisse, die sich derzeit in der Sahelzone abspielen. Eine Diskussion über die Linke muss nicht in Verzweiflung beginnen. Die Arbeiterklasse und die Bauernschaft müssen stolz auf ihre Schlüsselrolle in diesen Kämpfen und auf den Versuch sein, den Kapitalismus zu überwinden und eine sozialistische Gesellschaft zu gestalten.

Seit der Finanzkrise von 2008 ist die Weltwirtschaft von langsamem Wachstum, hoher Verschuldung, rückläufigen produktiven Investitionen und tiefgreifender sozialer Ungleichheit geprägt. Die dramatischsten Einbrüche waren in den Volkswirtschaften des Nordatlantikraums zu verzeichnen, die weiterhin unter dem leiden, was wir als die Dritte Große Depression bezeichnen. Den Vereinigten Staaten und ihren Verbündeten ist es nicht gelungen, diese wirtschaftlichen Probleme zu lösen oder ein glaubwürdiges soziales Projekt vorzulegen. Da ihre Kontrolle über Finanzen, Technologie und natürliche Ressourcen geschwächt wurde, haben dekadente und gefährliche Eliten ihre Kontrolle über Informationen verschärft und die Kriegsführung eskaliert, um ihre globale Ordnung aufrechtzuerhalten. Dies ist die Phase des Hyperimperialismus. Die Beweise für diese hyperimperialistischen Angriffe sind eindeutig: China, Kuba, Iran, Libanon, Palästina, Venezuela und Jemen sind allesamt Ziele. Diese Dynamiken werden durch den Neuen Kalten Krieg verschärft, in dem die Vereinigten Staaten insbesondere den Aufstieg Chinas und allgemein die Verlagerung des Schwerpunkts nach Asien einzudämmen versuchen.
Diese Entwicklungen machen deutlich, dass der zentrale Widerspruch unserer Zeit zwischen einem im Niedergang begriffenen imperialistischen System, das versucht, seine Vorherrschaft zu bewahren, und den Bestrebungen von Völkern und Nationen nach Souveränität, Entwicklung und sozialer Gerechtigkeit liegt.

Die Schwächung der imperialistischen Macht führt jedoch nicht automatisch zur Befreiung. Die Geschichte kennt keine automatischen Übergänge oder Siege. Die Zersplitterung der alten Ordnung schafft Chancen, birgt aber auch Gefahren: Rivalitäten zwischen den Kapitalisten, regionale Kriege, giftige politische Ideologien und eine verstärkte Ausbeutung des Reichtums vom Globalen Süden zugunsten des Globalen Nordens. Deshalb ist die entscheidende Frage für die Menschheit die der Organisation. Können die Arbeiterklasse und die unterdrückten Völker genügend organisierte Macht aufbauen, um eigenständig in diese Krise einzugreifen? Dies ist die zentrale Herausforderung unserer Zeit. Hier müssen wir ehrlich über die Krise der Linken selbst sprechen. In vielen Ländern erlitten kommunistische und Arbeiterbewegungen während der neoliberalen Offensive des späten 20. Jahrhunderts historische Niederlagen. Die Gewerkschaften wurden geschwächt. Die politische Bildung ging zurück. Der Glaube an Wahlerfolge ersetzte die Massenmobilisierung. NGOs verdrängten basisdemokratische Strukturen.
In den vergangenen vierzig Jahren haben die historischen nationalen Befreiungsparteien (wie der Indische Nationalkongress und der ANC) und die sozialdemokratischen Parteien ihre Aufgaben erschöpft – sie halten nicht mehr an den grundlegenden Prinzipien der sozialen Wohlfahrt fest. Diese Parteien glauben nicht mehr an Umverteilung und haben sich die Sparpolitik des Internationalen Währungsfonds zu eigen gemacht. Diese Art der geistigen Vereinnahmung hat die politische Landschaft verwüstet und es den Regierungen ermöglicht, die unmittelbaren Bedürfnisse ihrer Bevölkerung zu missachten, während sie die Interessen der Reichen, einschließlich der Anleihegläubiger, unterstützen. Der Zusammenbruch der Sozialdemokratie hat dazu geführt, dass die Linke ihre historische Mission des Kampfes für einen revolutionären Wandel erweitern musste, um den Kampf für die unmittelbaren Bedürfnisse der Menschen einzubeziehen. Trotz ihrer begrenzten Ressourcen ist es die Linke, die an vorderster Front für soziale Wohlfahrt, Nahrung, Wasser und Gesundheitsversorgung für eine zunehmend verzweifelte Bevölkerung kämpft.

Die Zukunft wird nicht durch die Kalküle der Eliten oder den guten Willen der Institutionen entschieden; sie wird durch Organisation entschieden. Die herrschenden Klassen sind weltweit durch Konzerne, Banken, Mediensysteme und Militärbündnisse organisiert. Die Völker der Welt müssen sich mit gleicher Ernsthaftigkeit organisieren. Das erfordert Geduld, ideologische Klarheit und Vertrauen in die sozialistische Politik – nicht in Form von Nostalgie, sondern als Notwendigkeit. Einheit ist unerlässlich. Eine lebendige Linke wird immer unterschiedliche Traditionen und Debatten beinhalten, aber wir müssen den Hauptwiderspruch zwischen Arbeit und Kapital erkennen, zwischen der großen Mehrheit, die den gesellschaftlichen Reichtum produziert, und der winzigen Minderheit, die ihn an sich reißt. Wie der Generalsekretär der SACP, Solly Mapaila, sagte: «Wir sind trotz unserer Unterschiede keine Feinde.» Wenn die Linke zersplittert ist, nutzen reaktionäre Kräfte die Situation aus. Wenn aber fortschrittliche Bewegungen durch politische Bildung, Massenmobilisierung und konkreten Kampf gemeinsam handeln, beginnen die Arbeiter*innen, ihre eigene kollektive Macht zu erkennen.
Deshalb ist der Wiederaufbau der Macht der Arbeiterklasse die strategische Aufgabe, die vor uns liegt. Dabei geht es nicht um Wahlbündnisse oder Hinterzimmerverhandlungen unter Eliten, sondern um eine tief verwurzelte Organisation unter Arbeiter*innen, Arbeitslosen, Frauen, Studierenden, Beschäftigten im informellen Sektor, Bäuer*innen und Gemeinschaften. Die Linke muss die Traditionen der politischen Bildung, der demokratischen Massenorganisation, der kollektiven Disziplin und des Internationalismus wiederbeleben. Letzteres bedeutet nicht Wohltätigkeit zwischen Nationen, sondern die Erkenntnis, dass die Arbeiterklasse überall in der Welt im System der Kapitalakkumulation und imperialen Herrschaft einem gemeinsamen Feind gegenübersteht.

Der Sozialismus ist nicht mehr nur ein Wunschtraum. Er ist eine Voraussetzung für das Überleben der Menschheit. Doch der Sozialismus wird nicht von selbst entstehen. Er muss durch Kampf, durch Institutionen der Volksmacht und durch organisierte Bewegungen, die im Alltag der Menschen verwurzelt sind, aufgebaut werden. Beispiele für einen solchen Aufbau finden sich in den von der Linken in Kerala errichteten Genossenschaften, den Siedlungen der Landlosenbewegung in Brasilien und den Roten Karawanen der SACP. Diese Projekte sind das «Noch-Nicht»: Fragmente einer Zukunft, die noch nicht vollständig eingetreten ist, aber bereits in der Gegenwart aufgebaut wird. Diese Experimente sind das, was Karl Marx als «möglichen Kommunismus» bezeichnete.
Deshalb sind Zusammenkünfte wie diese so wichtig. Sie können zwar nicht jede strategische Frage sofort lösen, aber sie stehen für das Bestreben, nach Jahrzehnten der Zersplitterung die kollektive politische Handlungsfähigkeit wiederherzustellen. Der Weg, der vor uns liegt, wird schwierig sein. Doch die Geschichte ist noch offen. Der Imperialismus ist mächtig, aber er ist nicht unbesiegbar. Der Kapitalismus ist gewalttätig, aber er ist nicht ewig. Die Arbeiterklasse und die unterdrückten Völker bleiben die Gestalter der Geschichte. Unsere Aufgabe ist es, dabei zu helfen, diese historische Kraft bewusst, international und mit revolutionärer Geduld zu organisieren.

Unser Treffen fand unweit von Soweto statt, wo vor fünfzig Jahren, am Morgen des 16. Juni 1976, Schwarze Schüler*innen einen Protest gegen ihre Demütigung begannen – dagegen, dass ihnen das Recht verwehrt wurde, in ihren eigenen Sprachen zu lernen, und dass sie gezwungen wurden, auf Afrikaans zu lernen. Tausende junger Schüler*innen marschierten, und die Polizei eröffnete das Feuer, tötete mindestens 176 und verletzte mehr als 1.000. Der zwölfjährige Hector Pieterson war einer der ersten Schüler, die erschossen wurden. Der Fotograf Sam Nzima hielt das Bild fest, auf dem der Schüler Mbuyisa Makhubo den sterbenden Hector trägt, an seiner Seite Hectors Schwester Antoinette. Das mittlerweile ikonische Foto inspirierte Dumile Feni zu seinem Gemälde von 1987, das oben zu sehen ist. Die Schüsse hörten nicht auf.
Nur eine kleine Gräueltat, tief in der Stadt
Soweto Blues
Soweto Blues
Das waren die Worte, die Miriam Makeba, die südafrikanische Sängerin und Anti-Apartheid-Aktivistin, in «Soweto Blues» sang, dem kraftvollen Lied, das Hugh Masekela nach dem Massaker geschrieben hatte. Fünfzig Jahre nach Soweto brauchen die Kinder Südafrikas noch immer eine lebendige Linke – und wir alle auch.
Herzlichst,
Vijay
