Der 28. Newsletter (2026)

Liebe Freund*innen,
Grüße aus dem Büro von Tricontinental: Institute for Social Research.
Am 4. Juni 2026 veröffentlichte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine vernichtende Bilanz zum Zustand der weltweiten Ernährungssysteme. Nach den neuen Schätzungen, die auf Daten bis zum Jahr 2021 basieren, verursachen unsichere Lebensmittel jährlich etwa 866 Millionen Erkrankungen und 1,5 Millionen Todesfälle. Weltweit erkrankt fast jede*r Neunte an kontaminierten Lebensmitteln, wobei auf Afrika und Südostasien zusammen fast drei Viertel aller lebensmittelbedingten Erkrankungen und 60 % der weltweiten Todesfälle entfallen. Die Last trifft diejenigen am härtesten, die am wenigsten zu dieser Krise beigetragen haben: Kinder.
Kleinkinder sind im Vergleich zu älteren Kindern und Erwachsenen einem fast dreimal so hohen Risiko ausgesetzt, an unsicheren Lebensmitteln zu erkranken. Obwohl sie nur 9 % der Weltbevölkerung ausmachen, sind Kinder unter fünf Jahren von fast einem Drittel aller Fälle lebensmittelbedingter Erkrankungen betroffen; im Jahr 2021 starben 143.000 von ihnen an den Folgen unsicherer Lebensmittel. Das sind nicht nur bloße Statistiken. Sie stehen für Leben, das durch vermeidbare Krankheiten vorzeitig beendet wurde, für Familien, die in Trauer gestürzt wurden, und für Gesellschaften, denen die Zukunft entzogen wurde, die in ihren jüngsten Mitgliedern verkörpert war.

Die übliche Reaktion auf solche Erkenntnisse ist technischer Natur. Uns wird gesagt, dass Lebensmittelsicherheit eine Frage besserer Kontrollen, strengerer Vorschriften, verbesserter Hygiene und wirksamer Überwachung sei. Diese Maßnahmen sind wichtig und notwendig. Doch sie erklären nicht, warum Hunderte Millionen Menschen weiterhin unsichere Lebensmittel konsumieren, obwohl seit Jahrzehnten Wissen darüber vorliegt, wie Kontaminationen verhindert werden können. Um das Fortbestehen lebensmittelbedingter Erkrankungen zu verstehen, müssen wir über technische Erklärungen hinausgehen und die Struktur des globalen Ernährungssystems selbst untersuchen.
Das vorherrschende Lebensmittelsystem ist auf Gewinnstreben ausgerichtet, nicht auf das Recht auf Nahrung. In weiten Teilen der Welt hat sich die Lebensmittelproduktion zu einer hochkonzentrierten Industrie gewandelt, die von großen Agrarkonzernen, Supermarktketten, Lebensmittelherstellern, Logistikunternehmen und Finanzinstituten dominiert wird. Dieses System, das in erster Linie auf die Maximierung der Kapitalrendite abzielt, erzeugt Widersprüche, die sich in mindestens dreierlei Hinsicht direkt auf die Lebensmittelsicherheit auswirken.
Erstens fördert der Kostendruck Kürzungen entlang der gesamten Lieferkette. Arbeitnehmer*innen werden häufig unter prekären Bedingungen beschäftigt (mehr als 80 % der Arbeitsplätze in der Landwirtschaft in Lateinamerika verfügen über keinen formellen Schutz und keine Sozialversicherung), Kontrollsysteme sind unterfinanziert, und Produzent*innen stehen unter starkem Druck, den Output zu steigern und gleichzeitig die Ausgaben zu senken. Lebensmittel legen immer größere Entfernungen über zunehmend komplexe globale Lieferketten zurück, was mehr Möglichkeiten für Kontaminationen schafft und die Produktionsbedingungen verschleiert.
Zweitens neigen kapitalistische Ernährungssysteme dazu, Kosten zu externalisieren. Umweltzerstörung, Wasserverschmutzung, unsichere Arbeitsbedingungen und Folgen für die öffentliche Gesundheit werden oft als Problem anderer betrachtet und nicht als Verantwortung privater Unternehmen. Die sozialen Kosten werden von den Arbeitenden, Verbraucher*innen und den öffentlichen Gesundheitssystemen getragen, während die Gewinne in privater Hand bleiben.
Drittens prägen globale Ungleichheiten die Muster der Lebensmittelsicherheit. Es überrascht nicht, dass die höchste Belastung durch lebensmittelbedingte Erkrankungen in Afrika und Südostasien konzentriert ist, da diese Regionen weiterhin unter den langfristigen Auswirkungen kolonialer Unterentwicklung, Schuldenabhängigkeit, unzureichender öffentlicher Infrastruktur und ungleicher Integration in die Weltwirtschaft leiden. Unsichere Lebensmittel sind daher nicht nur ein Gesundheitsproblem: Sie sind Ausdruck ungleicher Entwicklung.

Der Tod von Zehntausenden Kindern jedes Jahr offenbart den moralischen Bankrott dieser Ordnung. Eine Gesellschaft, die zulässt, dass Kinder an vermeidbaren lebensmittelbedingten Krankheiten sterben, hat eine ihrer grundlegendsten Verpflichtungen nicht erfüllt. Diese Todesfälle sind besonders tragisch, da die Lösungen weitgehend bekannt sind. Die WHO identifiziert den Zugang zu sauberem Wasser, sanitären Einrichtungen, Maßnahmen zur Lebensmittelsicherheit, Gesundheitsversorgung und wirksamer staatlicher Regulierung als entscheidende Instrumente zur Senkung der Sterblichkeit. Diese Maßnahmen erfordern öffentliche Investitionen und politisches Engagement und dürfen nicht allein den Marktkräften überlassen werden. Dennoch fördern Institutionen wie die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen weiterhin Modelle öffentlich-privater Partnerschaften, die es verhindern, die strukturellen Ursachen von Hunger und unsicheren Lebensmitteln zu bekämpfen.
Das Problem ist nicht nur die Kontamination durch Bakterien und Viren. Die heutigen Lebensmittelsysteme setzen die Bevölkerung einer breiteren Palette von Gefahren aus, darunter giftige Chemikalien, Schwermetalle und industrielle Schadstoffe. Neue Schätzungen der WHO erkennen zunehmend die langfristige Belastung durch chronische Krankheiten an, die mit Schadstoffen in der Lebensmittelversorgung zusammenhängen. Die Folgen reichen über unmittelbare Erkrankungen hinaus bis hin zu lebenslangen Behinderungen, Entwicklungsstörungen und einer verminderten Lebensqualität.

Darüber hinaus lässt sich die Lebensmittelsicherheit nicht von der umfassenderen Krise der Ernährungssysteme trennen. Weltweit leiden Millionen Menschen an Hunger, während andere mit Fettleibigkeit und ernährungsbedingten Krankheiten zu kämpfen haben. Landwirt*innen werden in die Verschuldung getrieben, während Lebensmittelkonzerne beispiellose Marktmacht anhäufen. Die landwirtschaftliche Produktion trägt zur ökologischen Zerstörung bei, während der Klimawandel die Ernten bedroht. Dasselbe System, das Ernährungsunsicherheit erzeugt, erzeugt auch unsichere Lebensmittel. Der Widerspruch ist eklatant. Die Menschheit verfügt über die wissenschaftliche Kenntnisse, die Produktionskapazitäten und die technologischen Mittel, um sichere Lebensmittel für alle zu gewährleisten. Doch unter den vorherrschenden wirtschaftlichen Rahmenbedingungen werden diese Kapazitäten der Profitabilität untergeordnet und nicht den menschlichen Bedürfnissen.
Die Erkenntnisse der WHO sollten nicht nur als Warnung vor Kontaminationen gelesen werden, sondern als Anklage gegen eine globale Lebensmittelordnung, die weiterhin Millionen Menschen vermeidbaren Krankheiten und dem Tod aussetzt. Wenn ein Kind stirbt, weil Lebensmittel unsicher sind, ist die Ursache niemals einfach nur eine kontaminierte Mahlzeit. Hinter dieser Mahlzeit verbirgt sich eine Kette politischer und wirtschaftlicher Entscheidungen über Investitionen, Regulierung, Infrastruktur, Eigentumsverhältnisse und gesellschaftliche Prioritäten. Durch Lebensmittel übertragene Krankheiten sind in ihrer unmittelbaren Ausprägung biologischer Natur, haben aber soziale Ursachen. Die Herausforderung für die Menschheit besteht nicht lediglich darin, Lebensmittel sicherer zu machen. Es geht darum, Ernährungssysteme aufzubauen, die sich an Fürsorge statt an Profit, an der öffentlichen Gesundheit statt an privater Anhäufung von Reichtum und an der Menschenwürde statt an Markteffizienz orientieren. Nur dann kann das Versprechen sicherer Lebensmittel für alle Realität statt nur ein Slogan werden.

Hier sind fünf einfache Reformen des derzeitigen Systems, die ein sicheres und gerechtes Ernährungssystem schaffen:
- Universelle öffentliche Investitionen in Wasser, Sanitärversorgung und Gesundheitsversorgung: Gewährleistung des Zugangs zu sauberem Wasser, sanitären Einrichtungen und medizinischer Grundversorgung, insbesondere in ländlichen und einkommensschwachen Gemeinden, in denen die Belastung durch lebensmittelbedingte Erkrankungen am höchsten ist.
- Stärkung öffentlicher Institutionen für Lebensmittelsicherheit: Ausbau von Lebensmittelkontrollsystemen, Laborkapazitäten, Netzwerken zur Krankheitsüberwachung und Aufsichtsbehörden bei gleichzeitigem Schutz vor Haushaltskürzungen und Einflussnahme durch Unternehmen.
- Förderung regionaler und kleinräumiger Lebensmittelsysteme: Investitionen in lokale Landwirtschaften, Genossenschaften, öffentliche Beschaffungsprogramme und kürzere Lieferketten, die Transparenz, Widerstandsfähigkeit und Rechenschaftspflicht erhöhen.
- Die Steuerung des Ernährungssystems demokratisieren: Die Unternehmenskonzentration in der Agrarindustrie und im Lebensmitteleinzelhandel verringern, die Mitbestimmung von Arbeiter*innen und Landwirt*innen stärken und eine öffentliche Kontrolle der Lebensmittelproduktion und -verteilung sicherstellen.
- Sichere Lebensmittel als Menschenrecht anerkennen: Verbindliche nationale und internationale Verpflichtungen festlegen, die den Zugang zu sicheren, nährstoffreichen Lebensmitteln als grundlegendes soziales Recht und nicht als Marktware behandeln.
Zusammengenommen basieren diese Reformen auf einem einfachen Grundsatz: Lebensmittel sind ein soziales Gut, nicht bloß eine Ware. Sie erkennen an, dass das Recht auf sichere Lebensmittel untrennbar mit dem Recht auf Leben verbunden ist.
Es ist leicht, diesen Ansatz als naiv abzutun. Aber ist es bloßer Idealismus, darauf zu bestehen, dass kein Kind an einer vermeidbaren, durch Lebensmittel übertragenen Krankheit sterben sollte?

Der Bericht der Weltgesundheitsorganisation verstärkte meine Verbitterung über die Herzlosigkeit des kapitalistischen Systems. Ich musste an «Civilisation» denken, ein kurzes Gedicht des großen mosambikanischen Journalisten und Dichters José Craveirinha (1922–2003):
Antigamente
(antes de Jesus Cristo)
os homens erguiam estádios e templos
e morriam na arena como cães.
Agora...
também já constroem Cadillacs
In alten Zeiten
(vor Jesus Christus)
errichteten die Menschen Stadien und Tempel
und starben in der Arena wie Hunde.
Jetzt ...
bauen sie auch schon Cadillacs.
Herzlichst,
Vijay
