Der langsame Abschied vom US-Dollar

Der 30. Newsletter (2026)

Mark Wagner (USA), Fit for a King, o. J.

Liebe Freund*innen,

Grüße aus dem Büro von Tricontinental: Institute for Social Research.

Es gibt Momente in der Geschichte, in denen ein System so allumfassend erscheint, dass man sich sein Ende kaum vorstellen kann. Als Britannia «die Meere beherrschte», herrschte in weiten Teilen der Welt die Überzeugung, dass das Pfund Sterling nicht bloß eine Währung, sondern die natürliche Sprache des Handels selbst sei. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts sprechen die Vereinigten Staaten in ähnlicher Weise vom US-Dollar. In einem Text aus dem Jahr 1980, inmitten der Krise der Nach-Bretton-Woods-Ordnung, stellte der argentinische Ökonom Raúl Prebisch fest, dass «in den Vereinigten Staaten die Illusion vom allmächtigen Dollar vorherrschte». Zu diesem Zeitpunkt war dies jedoch nicht mehr nur eine Illusion der USA. Der US-Dollar war tatsächlich zur wichtigsten Reservewährung der Welt und zur dominierenden Währung im internationalen Handel geworden. Nun beginnt diese Illusion langsam und ungleichmäßig zu bröckeln.

Unser aktuelles Dossier The Architecture of Power: The Dollar, Financialisation, and the Struggle for Sovereignty («Die Architektur der Macht: Der Dollar, die Finanzialisierung und der Kampf um Souveränität») zeigt, dass der Dollar nicht bloß Geld ist, sondern eine Institution imperialistischer Macht. Das Dollarsystem organisiert den Handel, bestimmt den Zugang zu Krediten, diszipliniert Regierungen, finanziert Kriege und reproduziert eine Hierarchie zwischen dem Globalen Norden und dem Globalen Süden. Bei der Debatte um den Dollar geht es daher nicht darum, eine Währung einer anderen vorzuziehen – den Dollar dem Renminbi (RMB) oder dem Euro –, sondern darum, ob die Menschheit eine internationale Währungsordnung schaffen kann, die der Entwicklung dient und nicht der Macht.

In den letzten Jahren bestand die Versuchung, diese Frage zu voreilig zu beantworten. Jedes bilaterale Abkommen, das in RMB statt in Dollar abgeschlossen wurde, jede Ankündigung der BRICS+ zum Handel in Landeswährung, jede Aufstockung der Goldkäufe durch Zentralbanken wurde mit Erklärungen begrüßt, dass die Entdollarisierung nun begonnen habe. Die Schlagzeilen sind verlockend, doch die Realität ist wesentlich komplizierter. Eine der großen Stärken unseres Dossiers ist, dass es politische Wünsche nicht mit der wirtschaftlichen Realität verwechselt.

Gleichzeitig hat sich etwas Grundlegendes verändert. Die Vereinigten Staaten haben den Dollar zunehmend von einem Tauschmittel in ein Zwangsmittel verwandelt. Finanzsanktionen, das Einfrieren staatlicher Reserven, der Ausschluss aus Zahlungssystemen und die Instrumentalisierung der internationalen Finanzwelt haben Regierungen im gesamten Globalen Süden vor Augen geführt, dass die Abhängigkeit vom Dollar wachsende politische Risiken birgt. Als etwa die Hälfte der russischen Devisenreserven eingefroren wurde, stellten sich viele Finanzministerien weltweit stillschweigend eine Frage, die zuvor fast unvorstellbar schien: Wenn das Russland passieren kann, warum dann nicht auch uns? Der Dollar, der einst als politisch neutral dargestellt wurde, hat sich als tief in den strategischen Zielen der Vereinigten Staaten verankert erwiesen.

Sir Grayson Perry (Großbritannien), Comfort Blanket, 2014.

Der Dollar dominiert die Weltwirtschaft weiterhin. Nicht, weil die Vereinigten Staaten den Großteil der weltweiten Güter produzieren – das ist nicht der Fall–, und auch nicht, weil auf sie der größte Teil des Welthandels entfällt – was ebenfalls nicht zutrifft. Vielmehr dominiert der Dollar die Weltwirtschaft, weil das internationale Finanzsystem um ihn herum gebaut ist und weil Märkte, die über Generationen hinweg entstanden sind, immense Netzwerkeffekte erzeugen. Reservewährungen lassen sich nicht auf bloße Tauschmittel reduzieren. Sie sind zugleich Wertspeicher, Recheneinheiten, Abwicklungsmechanismen und das Fundament, auf denen riesige Finanzmärkte aufgebaut sind. Regierungen halten Dollar, weil andere Regierungen Dollar verwenden, und Banken vergeben Kredite in Dollar, weil die Kreditnehmende erwarten, in Dollar zurückzuzahlen. Wie das Dossier sorgfältig aufzeigt, hat der Dollar nach wie vor den größten Anteil an der Preisbildung bei Rohstoffen, an Devisentransaktionen, an offiziellen Währungsreserven und an der Handelsfinanzierung, obwohl das relative wirtschaftliche Gewicht der USA stetig abgenommen hat. Dieser Widerspruch – zwischen dem schwindenden produktiven Gewicht der Vereinigten Staaten und der anhaltenden zentralen Rolle des Dollars – verleiht der Debatte über die Entdollarisierung ihre Dringlichkeit.

Zwar konzentriert sich ein Großteil der industriellen Dynamik des 21. Jahrhunderts mittlerweile eher auf Asien als auf den Nordatlantik, doch die Finanzwelt ist nach wie vor um die Wall Street organisiert. Produktion und Finanzwesen agieren in unterschiedlichen geografischen Räumen, und diese Divergenz kann sich nicht von selbst auflösen. Die Eröffnung eines Golddepots in Hongkong beispielsweise verdeutlicht den raschen Ausbau der Infrastruktur für die Lagerung und den Handel mit Edelmetallen in Asien, doch solche Entwicklungen schaffen für sich genommen noch keine neue Währungsordnung. Großbritannien blieb noch lange nach dem Verlust seiner industriellen Vorherrschaft das weltweite Finanzzentrum, und ebenso genießen die USA weiterhin ein «exorbitantes Privileg» durch die weltweite Verwendung des Dollars, lange nachdem ihr Anteil an der verarbeitenden Industrie eingebrochen ist. Die entscheidende Frage ist nicht, ob das Dollarsystem im Niedergang begriffen ist (das ist es), sondern was es realistisch gesehen ersetzen könnte.ngen mit chinesischen Industrieinvestitionen in Vietnam. Anstatt die Globalisierung als einen unvermeidlichen, von Marktkräften gesteuerten Prozess zu betrachten, sieht Feng Chao die industrielle Integration als etwas, das bewusst organisiert werden kann, um die Produktionskapazitäten über mehrere Länder hinweg auszubauen. Der Schwerpunkt liegt auf Technologietransfer, industrieller Modernisierung, der Entwicklung der Arbeitskräfte und dem Aufbau regionaler Produktionsnetzwerke, die die Entwicklungsperspektiven der beteiligten Länder stärken, anstatt sie zu schwächen.

Der Übergang in eine Ära nach dem Dollar wird jedoch nicht nur von wirtschaftlichen Verschiebungen abhängen, sondern auch von institutionellen Innovationen und dem Aufbau entsprechender Strukturen. In seiner jüngsten Veröffentlichung Geopolitics and International Money – A Path to a New Reserve Currency («Geopolitik und der internationale Finanzmarkt – Ein Weg zu einer neuen Reservewährung») stellt Paulo Nogueira Batista Jr., ehemaliger Exekutivdirektor des Internationalen Währungsfonds und ehemaliger Vizepräsident der Neuen Entwicklungsbank, die Frage: Welche institutionelle Architektur wäre erforderlich, um eine Alternative zum Dollarsystem aufzubauen? Nogueira Batista argumentiert, dass der RMB den Dollar nicht einfach ersetzen wird, und dass das weder wahrscheinlich noch wünschenswert wäre. Die chinesische Regierung hat wenig Interesse an einem solchen Schritt, da dies eine weitaus stärkere Liberalisierung des Kapitalverkehrs erfordern würde, wodurch Kapital freier nach China hinein- und aus China herausfließen könnte. Das könnte das Land destabilisierenden Finanzströmen aussetzen, den Wert des RMB in die Höhe treiben, chinesische Exporte verteuern und genau jene produktiven Vorteile schwächen, die Chinas Entwicklung erst ermöglicht haben. Der chinesische Ökonom Yu Yongding hat wichtige Vorschläge zur Ausweitung der internationalen Nutzung des RMB vorgelegt, unter anderem im Rahmen der BRICS+-Debatten über die Entdollarisierung, doch selbst diese Vorschläge zielen nicht darauf ab, die monetäre Hegemonie der USA durch eine chinesische zu ersetzen.

Im Laufe des letzten Jahrzehnts haben sich bilaterale und multilaterale Währungsabrechnungssysteme rasch ausgeweitet. Dazu gehören das 2014 entwickelte russische Finanznachrichtensystem (SPFS); Chinas 2015 eingeführtes Cross-Border Interbank Payment System (CIPS); Abrechnungsrahmen in Landeswährung wie die 2018 geschlossene Vereinbarung zwischen Indonesien, Malaysia und Thailand; Zentralbankvereinbarungen, die es Ländern ermöglichen, in Zeiten der Not auf die Währungen der jeweils anderen Länder zuzugreifen; sowie Spezialkonten wie die K-Konten der Gazprombank, die es bestimmten grenzüberschreitenden Zahlungen ermöglichen, dollarbasierte Kanäle zu umgehen. Obwohl diese Instrumente das Dollarsystem noch nicht ersetzt haben, sind sie Teil der Infrastruktur, aus der eine neue Finanzordnung entstehen könnte.

Nogueira Batista präsentiert einen ehrgeizigeren Plan für den schrittweisen Aufbau einer neuen Reservewährung, die gemeinsam von einer Koalition von Ländern des Globalen Südens geschaffen, von einer neuen internationalen Institution unterstützt und ausschließlich für internationale Abrechnungen und Reservebestände – und nicht für den inländischen Umlauf – konzipiert wird. Eine solche Währung würde die nationalen Währungen nicht abschaffen, sondern als gemeinsames Reserveinstrument fungieren, das die Abhängigkeit vom Dollar verringern könnte. Wie in unserem Dossier dargelegt wird, liegt die Bedeutung institutioneller Alternativen zum Dollar nicht im unmittelbaren Ersatz eines Währungsrahmens durch einen anderen, sondern im Aufbau dauerhafter Infrastrukturen, die die Emanzipation der Menschheit fördern können.

Doch Institutionen allein können die tiefer liegende Frage nicht erschöpfend beantworten. Die Schwächung der dollarzentrierten Ordnung wirft ein Problem auf, das über die Gestaltung einer neuen Reservewährung oder einer anderen Zahlungsarchitektur hinausgeht. Das zentrale Problem ist nicht nur monetärer, sondern entwicklungspolitischer Natur. Die nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen Institutionen organisierten die globale Finanzwelt eher um den Schutz von Vermögen als um die Transformation der Produktion, belohnten Spekulationen und schränkten gleichzeitig die Industrialisierung in weiten Teilen der ehemals kolonialisierten Welt ein. Eine neue Währungsordnung muss daher nicht allein an der Wechselkursstabilität gemessen werden, sondern an ihrer Fähigkeit, den Strukturwandel, den technologischen Fortschritt, die Ernährungssouveränität, den ökologischen Wandel und menschenwürdige Beschäftigung zu finanzieren. Kapitalkontrollen, Entwicklungsbanken, Zahlungssysteme und Reservevermögen sollten dazu dienen, die Produktionskapazitäten auszubauen, nicht dazu, finanzielle Forderungen anzuhäufen. In diesem Sinne kann der Nachfolger des Dollar-Regimes nicht einfach eine internationale Währung durch eine andere ersetzen. Er muss das Finanzwesen in eine umfassendere Entwicklungsarchitektur einbetten, damit die Währungszusammenarbeit zu einem Instrument für gemeinsamen Wohlstand, souveräne Entwicklung und den Abbau globaler Ungleichheit wird.

Geld spielt in unserer Welt eine zentrale Rolle, weil so viele Bereiche des Lebens kommerzialisiert und der Disziplin des kapitalistischen Marktes unterworfen wurden. Wasser wird in Flaschen abgefüllt und Luft klimatisiert, während die Sehnsucht nach dem Tauschhandel am Rande aller Verhandlungen verbleibt. Der Dollar schwebt über uns, und dahinter stehen das gewaltige Militärarsenal der Vereinigten Staaten und der politische Wille, diese Macht zur Verteidigung ihres Geldes einzusetzen. Als Washington Irving in «The Creole Village» (1837) vom «allmächtigen Dollar» schrieb, war dieser Ausdruck noch verfrüht. In unserer Zeit erscheint er fast schon selbstverständlich. Der Reichtum der rohstoffreichen Länder des Globalen Südens fließt in Dollar ab und kehrt in Form von Schulden zurück, während die unwirklichen Geldstädte wie London und New York im Glanz des sozialen Reichtums der Welt erstrahlen.

Doch hier und da ist ein Schauder zu spüren, wie unser Dossier zeigt. Wir wollen die Realität der Entdollarisierung nicht übertreiben: Wir wollen aufzeigen, wie das Dollar-Regime heute weiterfunktioniert, inwiefern es geschwächt ist und warum es strukturell intakt bleibt.

Herzlichst,

Vijay