Der zweiunddreißigste Newsletter (2026)

Liebe Freund*innen,
Grüße aus dem Büro von Tricontinental: Institute for Social Research.
Von der Hungersnot in Bengalen 1943 bis zur Wahl der Regierung der Linken Front im Jahr 1977 baute die kommunistische Bewegung in Westbengalen, Indien, geduldig ihre Stärke unter Arbeiter*innen, Bäuer*innen, Flüchtlingen, Studierenden und Kulturschaffenden auf. Durch Kampagnen für Nahrung und Land, die Entwicklung gewerkschaftlicher Macht, die Mobilisierung von Flüchtlingen und den Widerstand gegen staatliche Repressionen erreichte die Linke mehr als nur die Durchsetzung unmittelbarer Forderungen: Sie schuf Institutionen des Kampfes, bildete Generationen von Organisator*innen aus und entwickelte eine politische Kultur, in der die Nöte verschiedener Bevölkerungsgruppen als Teil eines gemeinsamen Kampfes verstanden werden. Der Sieg von 1977 schuf nicht plötzlich gesellschaftliche Macht an der Wahlurne; vielmehr offenbarte er die gesellschaftliche Macht, die über mehr als drei Jahrzehnte hinweg aufgebaut worden war.
Das Aufbäumen der Bevölkerung wird manchmal mit gesellschaftlicher Macht verwechselt. Ein politischer Führer zieht große Menschenmengen an, ein Slogan verbreitet sich rasch in den sozialen Medien, eine Demonstration füllt die Straßen, und schon heißt es, eine Bewegung sei mächtig geworden. Dies können Zeichen von Sichtbarkeit, Begeisterung oder Dynamik sein, aber es sind nicht unbedingt Beweise für organisierte Stärke: Eine Menschenmenge kann sich auflösen, eine Wahl kann verloren gehen, und ein Slogan kann so schnell verschwinden, wie er gekommen ist. Gesellschaftliche Macht ist etwas Tieferes; sie ist die organisierte Fähigkeit einer Klasse, in der Gesellschaft zu handeln, den Bestrebungen des Volkes eine Richtung zu geben und ihr Weltverständnis zum allgemeinen Verständnis der Zeit zu machen.

Die Kapitalistenklasse verfügt nicht nur deshalb über gesellschaftliche Macht, weil sie Fabriken, Banken, Bergwerke, digitale Plattformen und große Ländereien besitzt, sondern auch, weil sie Institutionen aufgebaut hat, die ihre Interessen in die scheinbaren Interessen der Gesellschaft umwandeln. Ihre Medien stellen den Schutz des privaten Reichtums als Verteidigung der Freiheit dar, ihre Ökonomen bezeichnen Kürzungen der öffentlichen Ausgaben als «Haushaltsdisziplin», ihre Bildungseinrichtungen lehren, dass Wettbewerb ein Ausdruck der menschlichen Natur sei, und ihre Gesetze behandeln Eigentumsrechte als wichtiger als das Recht auf Nahrung, Wohnraum und ein würdiges Leben. Die Kapitalistenklasse muss nicht jeden von ihrer Weltanschauung überzeugen; sie muss lediglich ihre Annahmen als selbstverständlich erscheinen lassen, die Grenzen einer respektablen Diskussion festlegen und sicherstellen, dass Alternativen schon unrealistisch wirken, noch bevor sie überhaupt in Betracht gezogen werden. Das ist kapitalistische Hegemonie: die Fähigkeit der herrschenden Klasse, Zustimmung für eine Gesellschaftsordnung zu organisieren, die ihren Interessen dient, während sie gleichzeitig den Anschein erweckt, die Interessen der Gesellschaft als Ganzes zum Ausdruck zu bringen.

Die gesellschaftliche Macht des Kapitalismus beruht nicht allein auf Zustimmung, sondern auf einer Kombination aus Zustimmung und Zwang: in Medien und Schulen, bei der Polizei, den Gerichten und in den Gefängnissen. Bevor die Polizei beispielsweise einen Streik brechen kann, müssen die Zeitungen die Streikenden als egoistisch darstellen. Die herrschende Klasse übt gesellschaftliche Macht aus, indem sie ihr Weltbild zum Allgemeinwissen macht und gleichzeitig Zwangsinstitutionen zur Verteidigung dieses Weltbild bereithält, sobald die Zustimmung zu bröckeln beginnt.
Die kapitalistische Hegemonie ist jedoch niemals vollständig, solange die Versprechen der kapitalistischen Gesellschaft immer wieder mit den Realitäten des Lebens der Arbeiterklasse kollidieren. In Indien beispielsweise haben die aktuellen, von Jugendlichen angeführten Proteste einen scharfen Widerspruch offenbart: Jungen Hochschulabsolventen wird gesagt, dass Bildung eine Anstellung garantiert, doch was viele nach ihrem Abschluss erwartet, sind Arbeitslosigkeit und prekäre Arbeitsverhältnisse. Solche Widersprüche schaffen die Möglichkeit eines neuen Allgemeinbewusstseins. Doch Leid führt nicht automatisch zu sozialistischem Bewusstsein. Unsicherheit kann Solidarität hervorbringen, oder sie kann genutzt werden, die Massen zu überzeugen, dass Einwanderer*innen, unterdrückte Kasten, religiöse oder rassistisch diskriminierte Minderheiten, Frauen oder andere Arbeitnehmer*innen für diese verantwortlich sind. Die Krise einer alten Hegemonie kann den Weg nach links ebnen – durch Organisation und Kampf – oder sie kann den Weg zur extremen Rechten ebnen – durch Angst, Ressentiments und Sündenbockdenken. Die Verhältnisse sprechen nicht für sich selbst; sie müssen interpretiert werden, und der Kampf um ihre Interpretation ist Teil des Kampfes um gesellschaftliche Macht. Doch Interpretation entsteht nicht im Abstrakten. Sie wird durch kollektives Handeln geschmiedet.

Der Kampf der Bauern um die Kontrolle über das Land stellt die Unantastbarkeit der Eigentumsrechte in Frage, während der Kampf der Frauen zeigt, dass die Herrschaft im Haushalt keine Privatsache ist, sondern Teil der gesellschaftlichen Machtordnung. Jeder ernsthafte Kampf beinhaltet einen Lernprozess, in dem die Menschen erkennen, wer auf ihrer Seite steht, wer sich ihnen entgegenstellt und welche Institutionen Neutralität vortäuschen, während sie die bestehende Ordnung verteidigen. Sie entdecken Fähigkeiten in sich selbst und untereinander, die die kapitalistische Gesellschaft sie zu unterschätzen lehrt. Deshalb lässt sich gesellschaftliche Macht nicht allein durch Kommunikation aufbauen. Plakate, Zeitungen, Videos und Kampagnen in den sozialen Medien sind wichtig, können aber die Organisation nicht ersetzen. Menschen ändern ihr Weltverständnis nicht allein dadurch, dass sie auf das richtige Argument stoßen. Bewusstseinswandel entsteht durch die Teilnahme an kollektivem Handeln.
Mobilisierung versammelt Menschen um ein Ereignis herum, während Organisation sie zusammenhält und ihre Befähigung zum nachhaltigen Kampf entwickelt. Mobilisierung kann Wut zum Ausdruck bringen; Organisation verwandelt Wut in Erinnerung, Disziplin, Führung und Strategie. Gesellschaftliche Macht entsteht, wenn die Energie des Volkes zu organisierter Kraft wird. Sie wird durch Gewerkschaften, Bauernverbände, Frauenorganisationen, Nachbarschaftskomitees, politische Schulen, kulturelle Einrichtungen, Gemeinschaftsmedien und revolutionäre Parteien aufgebaut. Diese Institutionen bewahren die Lehren eines Kampfes und tragen sie in den nächsten hinein. Durch die geduldige Arbeit am Aufbau solcher Organisationen formt gesellschaftliche Macht die Fähigkeiten, die für eine neue Gesellschaft erforderlich sind.

Die Zersplitterung der Arbeiterklasse ist eine der Stärken des Kapitals. Die Arbeiterklasse ist über Fabriken und landwirtschaftliche Betriebe, Büros und Schulen, Haushalte und informelle Märkte verstreut. Arbeiter*innen, die für die Produktion und die gesellschaftliche Reproduktion unverzichtbar sind, sehen sich oft mit der Verweigerung ihrer politischen Rechte konfrontiert, und ihr Beitrag zur Gesellschaft wird häufig herabgewürdigt. Das Kapital verwandelt diese Zersplitterung und Herabwürdigung in Spaltung: Arbeiter*innen im formellen Sektor werden dazu angehalten, informelle Arbeiter*innen zu fürchten, Bürger*innen sollen Migrant*innen fürchten, städtische Arbeiter*innen sollen Landarbeiter*innen missachten, und Männer sollen die Emanzipation der Frauen als Bedrohung betrachten. Religiöse, rassische, ethnische, kastenbezogene und sprachliche Unterschiede werden zu dauerhaften Linien politischer Spaltung. Die Aufgabe einer sozialistischen Organisation besteht nicht darin, so zu tun, als gäbe es diese Unterschiede nicht, noch in der Forderung, dass sich jeder Kampf in einer abstrakten Klasseneinheit auflöst. Sie besteht darin, Einheit zu schaffen, indem aufgezeigt wird, wie verschiedene Formen der Unterdrückung mit einer gemeinsamen Gesellschaftsordnung verknüpft sind.
In unserer Tradition wird der Aufbau dieser Einheit als Schaffung eines «historischen Blocks» bezeichnet: ein Bündnis sozialer Kräfte, das nicht nur durch vorübergehende Übereinstimmung, sondern durch ein gemeinsames politisches Projekt zusammengehalten wird. Ein solcher Block muss in der Arbeiterklasse verwurzelt sein und die Bestrebungen all jener aufgreifen, deren Leben durch Kapital, Imperialismus, Patriarchat, Rassismus, Kastenunterdrückung und die Zerstörung der Natur verzerrt wird. Ein politisches Programm darf keine Checkliste sein, in der jeder sozialen Gruppe eine eigene Forderung zugewiesen wird. Es muss eine schlüssige Erklärung der Krise und eine glaubwürdige Richtung für die Gesellschaft liefern und aufzeigen, wie öffentliche Gesundheitsversorgung, Agrarreform, menschenwürdige Beschäftigung, Frauenbefreiung, ökologischer Wiederaufbau und nationale Souveränität Teil eines gemeinsamen Projekts sind. Die herrschende Klasse behauptet, die Gesellschaft müsse sich an der Freiheit des Kapitals orientieren; ein sozialistischer historischer Block muss darauf bestehen, dass die Gesellschaft sich an der Würde der Arbeit und der Reproduktion des Lebens orientiert. So wird gesellschaftliche Macht hegemonial: nicht durch eine Kommunikationsstrategie, sondern durch den Aufbau politischer Führung mittels Organisation und Kampf.

Die herrschende Klasse bietet eine emotionale Interpretation der Welt. Sie erzählt den Arbeiter*innen, dass ihre Nachbarn gefährlich sind, dass Ausländer*innen ihnen die Zukunft stehlen, dass Armut beschämend ist und dass kollektives Handeln zwecklos ist. Sie schürt Ressentiments und verhindert gleichzeitig, dass sich diese Ressentiments zu einem Verständnis des Systems entwickeln, indem sie legitime Wut gegen diejenigen lenkt, die noch weniger Macht haben. Dies ist das emotionale Terrain, auf dem sich die extreme Rechte einer besonderen Art organisiert. Sie bietet Zugehörigkeit für Menschen, die sich verlassen fühlen, Stolz für diejenigen, die gedemütigt wurden, und Gewissheit für jene, deren Leben prekär geworden ist. Ihre Erklärungen sind falsch, aber der Schmerz, den sie anspricht, ist real.
Eine sozialistische Politik, die nur mit Statistiken antwortet, wird schwach bleiben. Sie muss Würde, Gemeinschaft, Mut und Hoffnung bieten – nicht als leere Parolen, sondern als Erfahrungen, die durch Organisation geschaffen werden. Kultur ist für diese Arbeit von zentraler Bedeutung: Lieder, Poesie, Theater, bildende Kunst und kollektive Rituale bewahren das historische Gedächtnis und vermitteln Bilder einer Zukunft, die in politischen Dokumenten nicht vollständig beschrieben werden kann. Revolutionäre Kultur lehrt die Menschen nicht nur, wogegen sie sich wehren sollen, sondern auch, was sie durch ihren Kampf werden wollen. Gesellschaftliche Macht erfordert einen Kampf der Ideen, weil die herrschende Klasse ihre Herrschaft als gesunden Menschenverstand darstellt, und sie erfordert einen Kampf der Emotionen, weil dieser gesunde Menschenverstand nicht nur durch Argumente, sondern auch durch Angst, Begierde, Scham und Hoffnung aufrechterhalten wird.

Gesellschaftliche Macht ist unverzichtbar, aber sie reicht nicht aus. Eine Bewegung kann starke Volksorganisationen schaffen, während die Kapitalistenklasse weiterhin die Investitionen, die Produktion und den Zwangsapparat des Staates kontrolliert. Das sozialistische Projekt muss daher eine Strategie entwickeln, die gesellschaftliche Macht in Regierungsmacht umsetzt und den Staat selbst transformiert. Wahlsiege dürfen nicht mit der Vollendung dieses Prozesses verwechselt werden. Eine linke Partei kann eine Regierung bilden, während Banken, Konzerne, hochrangige Beamte, Richter*innen, Militärs und Medienmonopole weiterhin unter dem Einfluss des alten herrschenden Blocks stehen. Deshalb muss eine linke Regierung die unabhängige Organisation des Volkes stärken, und deshalb dürfen Volksorganisationen nicht zu passiven Verteidigern wohlgesinnter Minister*innen werden. Gesellschaftliche Macht ist es, die es einem Projekt ermöglicht, über eine Regierung, eine Wahl oder eine Generation von Führungskräften hinaus zu bestehen.
Es besteht die Tendenz, Politik nur im Moment der Ernte zu betrachten: Wer hat die Wahl gewonnen, wer hat die Regierung gebildet, welches Gesetz wurde verabschiedet und welcher Palast wurde besetzt? Doch jeder Ernte geht eine lange und weitgehend unsichtbare Arbeit voraus. Samen werden ausgewählt und ausgesät, der Boden wird aufbereitet, Wasser wird herbeigeschafft und junge Pflanzen werden vor Hitze und Krankheiten geschützt. Der größte Teil dieser Arbeit gerät in Vergessenheit, wenn die Ernte schließlich eingebracht wird. Doch der Aufbau gesellschaftlicher Macht ist genau diese geduldige Arbeit: Sie findet statt, wenn ein Kader nach einem langen Arbeitstag eine politische Diskussion leitet, wenn ein Gewerkschafter einen Arbeiter besucht, der um seinen Arbeitsplatz fürchtet, wenn Frauen ein Komitee gegen Gewalt gründen, wenn Bauern die Struktur der landwirtschaftlichen Verschuldung untersuchen und wenn junge Menschen in einem vom Staat im Stich gelassenen Stadtteil eine Kulturgruppe ins Leben rufen. Keine dieser Handlungen allein verändert die Gesellschaft, aber zusammen schaffen sie ein Volk, das zur Veränderung fähig ist.
Was dem Volk fehlt, ist nicht die Fähigkeit, sondern die organisierten Mittel, seine Kraft zu erkennen, zu bündeln und auszuüben. Gesellschaftliche Macht beginnt, wenn das Volk aufhört, sich als Leidtragender der Geschichte zu betrachten und begreift, dass es diese selbst gestalten kann.
Herzlichst,
Vijay
