Die Wurzeln des Kapitalismus liegen in der Sklaverei

Der vierunddreißigste Newsletter (2026)

Naudline Pierre (Haiti), This, I Know to Be True, 2023.

Liebe Freund*innen,

Grüße aus dem Büro von Tricontinental: Institute for Social Research.

Die Geschichten, die Imperien über sich selbst erzählen, haben etwas Tröstliches an sich. In diesen Geschichten erscheint der Kapitalismus als natürliche Entfaltung des europäischen Erfindergeistes – als Produkt von Vernunft, wissenschaftlichen Entdeckungen, technologischen Innovationen und der Wirtschaftlichkeit fleißiger Menschen. Kolonialismus und Sklaverei werden, wenn sie überhaupt erwähnt werden, als bedauerliche Episoden im ansonsten triumphalen Marsch in Richtung Moderne behandelt.

Unsere neueste Studie, The Roots of Capitalism: Slavery and the Sugar Trade («Die Wurzeln des Kapitalismus: Sklaverei und der Zuckerhandel», August 2026) von Prabir Purkayastha, fordert uns auf, diese tröstliche Mythologie aufzugeben. Die Studie bildet den Auftakt zu unserer neuen Reihe Studies on Historical Materialism («Studien im historischen Materialismus»), die die Entstehung der modernen Welt untersuchen wird, wobei die Dialektik zwischen Imperialismus und nationalen Befreiungskämpfen im Mittelpunkt dieses Prozesses steht. Ein Großteil der Studie entstand während der 225 Tage, die Prabir von Oktober 2023 bis Mai 2024 im Rohini Central Jail in Delhi, Indien, in Haft verbrachte. Er war von der indischen Regierung im Rahmen eines umfassenden Vorgehens gegen die Pressefreiheit und progressive Stimmen rechtswidrig verhaftet worden. Während seiner Haftzeit wurden Zettel, die bei Besuchen hin und her gereicht wurden, zum Ausgangspunkt dieser Geschichte über Zucker, Sklaverei und Kapitalismus. Darin liegt eine gewisse Fügung: eine Studie über Systeme des Freiheitsentzugs und Ausbeutung, verfasst unter Bedingungen der Freiheitsentzugs von einem Geist, der sich weigerte, sich einsperren zu lassen.

Im Mittelpunkt der Publikation steht Zucker, einer der großen psychoaktiven Rohstoffe der Kolonialzeit, der – neben Alkohol, Schokolade, Kaffee, Opium, Tee und Tabak – die industrielle Revolution befeuerte. Bevor Zucker zu einem alltäglichen Bestandteil auf den Tischen europäischer Arbeiter*innen wurde, war er ein Luxusgut, das in Königshäusern und von Adligen konsumiert wurde. Seine Verwandlung in ein Massenkonsumgut erforderte mehr als nur einen Wandel des Geschmacks. Sie erforderte die Aneignung von Land, die Zerstörung indigener Gesellschaften und die gewaltsame Kommodifizierung von Menschen: Afrikaner*innen wurden gefangen genommen, über den Atlantik transportiert und als versklavte Arbeitskräfte an Plantagenbesitzer*innen verkauft. Zucker gehörte zu den ersten wirklich globalen Handelsgütern, und seine Verwandlung in ein solches Handelsgut erforderte den Aufbau eines immensen Handels- und Finanzapparats, der Afrika, Amerika, Asien und Europa verband.

Das Ausmaß der kolonialen Gewalt war erschütternd. Mindestens zehn Millionen versklavte Afrikaner*innen wurden in Amerika und der Karibik an Land gebracht. Rechnet man diejenigen hinzu, die während der Gefangennahme, der Gewaltmärsche, der Inhaftierung und der «Middle Passage» (der erzwungenen Atlantiküberquerung von Afrika nach Amerika) starben, lag die Gesamtzahl der für den transatlantischen Handel verschleppten Afrikaner*innen plausiblerweise zwischen vierzehn und zwanzig Millionen. Während die Bevölkerungszahlen in Asien und Europa zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert enorm wuchsen, stagnierte die Bevölkerung Afrikas und ging in vielen Regionen sogar zurück. Diese Katastrophe war keine zufällige Folge des Handels. Sie entstand durch das, was unsere Studie als den «Waffen-Sklaverei-Geld-Nexus» bezeichnet: Europäische Feuerwaffen und Schießpulver wurden gegen gefangene Afrikaner*innen eingetauscht, deren Verkauf die Gewinne erbrachte, die das System aufrechterhielten.

Lasar Segall (Brasilien), Banana Grove, 1927.

Großbritanniens Kolonialpolitik der imperialen Präferenzen stellte sicher, dass die Kolonien Rohstoffe lieferten, während die Verarbeitung im imperialen Zentrum verblieb. Rohzucker wurde über den Atlantik transportiert, um in Großbritannien raffiniert zu werden, wo die größten Gewinnspannen erzielt wurden. Zölle schützten britische Raffinerien, während sie gleichzeitig die Raffination in der Karibik behinderten und britische Raffinerien sowie karibische Plantagen vor der Konkurrenz durch indischen Zucker abschirmten. Der Kolonialismus entzog den Kolonien nicht nur Reichtum; er reorganisierte ganze Volkswirtschaften so, dass die Produktionskapazitäten der Kolonien noch lange nach dem formellen Ende der Kolonialherrschaft denen der Kolonialmacht untergeordnet blieben. Dies bezeichnete Ghanas erster Präsident Kwame Nkrumah als Neokolonialismus.

Prabir, der im Rohini Central Jail saß, stellte den Kapitalkreislauf nicht als einfaches atlantisches Dreieck dar, sondern als ein planetares System der Ausbeutung, das Indien, Afrika, Amerika und Europa miteinander verband. Europäische Händler*innen verschifften indische Textilien nach Westafrika und tauschten sie gegen versklavte Menschen ein. Salpeter aus Bengalen, unverzichtbar für die Herstellung von Schießpulver, trug dazu bei, diesen grauenhaften Handel zu bewaffnen. Nach der Eroberung der Bengalen durch Großbritannien im Jahr 1757 wurden diese Exporte durch Landabgaben finanziert, die den indischen Bäuer*innen abgepresst wurden. Das atlantische Dreieck war somit Teil einer viel größeren Geometrie der Ausbeutung, die sich über den gesamten Planeten erstreckte. Auf James Watts Dampfmaschine ist das Blut von versklavten afrikanischen Plantagenarbeiter*innen und hungernden indischen Bäuer*innen.

Débora Arango (Kolumbien), Plebiscito, 1958.

Wir werden nie erfahren, ob es in einer Welt ohne Kolonialismus eine Art imaginären Kapitalismus gegeben hätte. Geschichte spielt sich nicht in imaginären Welten ab. Der tatsächlich existierende Kapitalismus ist untrennbar mit kolonialer Enteignung verbunden. Der Kapitalismus nahm nicht zuerst  auf dem englischen Land Gestalt an und breitete sich dann friedlich über den Globus aus. Seine Geschichte muss gleichzeitig auf dem Land in England, auf den Plantagen der Karibik, in der Silbermine von Potosí, auf den afrikanischen Sammelplätzen, im indischen Finanzamt, im Laderaum des Schiffes, das versklavte Menschen transportierte, und in der europäischen Raffinerie verortet werden.

Diese Geschichte hindert uns auch daran, das, was Karl Marx als «ursprüngliche Akkumulation» bezeichnete, als abgeschlossene Episode zu behandeln. Ihre Methoden sind nach wie vor präsent: die Aneignung von Land, die Unterordnung von Volkswirtschaften unter den Monokulturanbau, Schuldenregime, ungleicher Austausch, die Unterbewertung südlicher Arbeitskraft und der Transfer von Reichtum in vom Norden kontrollierte Finanzsysteme. Die Formen haben sich geändert, doch die Enteignung dauert an.

Che Lovelace (Trinidad), Street Dance, 2016–2022.

Wenn diese Geschichten der Ausbeutung ernst genommen werden, dann kann die Forderung nach kolonialen Reparationen nicht als bloßer moralischer Appell oder als rückwärtsgewandte Forderung abgetan werden. Reparationen müssen als materielle und politische Notwendigkeit verstanden werden: nicht nur als Aufarbeitung vergangener Verbrechen, sondern als Auseinandersetzung mit den fortbestehenden Akkumulationsstrukturen, die durch koloniale Enteignung aufgebaut wurden und auch heute noch globale Ungleichheit reproduzieren.

Dies ist die These von Kwesi Pratt Jr.s jüngstem Buch Reparations: History, Struggle, Politics, and Law, das in Kürze in einer neuen südafrikanischen Ausgabe bei Inkani Books erscheint. Die Ausgabe enthält ein Vorwort des ghanaischen Präsidenten John Dramani Mahama und ein Nachwort von Professorin Verene Shepherd. Reparationen – sei es durch Schuldenerlass, die Rückgabe gestohlener Ressourcen, den Technologietransfer oder den Wiederaufbau öffentlicher Strukturen, die durch Kolonialismus und Strukturanpassung zerstört wurden – sind ein unverzichtbares Gegenmittel gegen die lange Geschichte der Plünderung, auf der der moderne Kapitalismus aufgebaut wurde.

Canute Caliste (Grenada), Big Drum Dance in Carriacou, 1988.

Dies war niemals nur eine Geschichte der Ausbeutung. Das Plantagensystem wurde zu jedem Zeitpunkt seiner Existenz angefochten. Versklavte Menschen flohen, sabotierten die Produktion, bewahrten verbotene kulturelle Praktiken, gründeten Maroon-Gemeinschaften, organisierten Aufstände und durchbrachen schließlich die scheinbare Unendlichkeit der Sklaverei. Die haitianische Revolution, die 1804 in der Unabhängigkeit gipfelte, bleibt der größte Beweis für diese Wahrheit: Selbst der ausgeklügeltste Unterdrückungsapparat kann von den Unterdrückten besiegt werden.

Im Jahr 1935 schrieb der haitianische marxistische Dichter Jacques Roumain (1907–1944), erzürnt über den ständigen Versuch, sein Land zu ersticken, das Gedicht «Guinea». Dieses Gedicht, das von Roumains Freund Langston Hughes ins Englische übersetzt wurde, ist eine kraftvolle Beschwörung der afrikanischen Wurzeln Haitis und seines anhaltenden Kampfes um Würde:

Es ist der lange Weg nach Guinea,

den der Tod mit euch geht.

Hier sind die Äste, die Bäume, der Wald.

Lausche dem Rauschen des Windes in seinem langen Haar

aus ewiger Nacht.

Es ist der lange Weg nach Guinea,

wo eure Väter ohne Ungeduld auf euch warten.

Unterwegs reden sie.

Sie warten.

Dies ist die Stunde, in der die Bäche klirren

wie Perlen aus Knochen.

Es ist der lange Weg nach Guinea.

Kein strahlender Empfang wird dir bereitet

in dem dunklen Land der dunklen Menschen:

Unter einem rauchigen Himmel, durchdrungen vom Schrei der Vögel,

rund um das Auge des Flusses

öffnen sich die Wimpern der Bäume im schwindenden Licht.

Dort, dort erwartet euch am Wasser ein stilles Dorf,

und die Hütte eurer Väter, und der harte Stein der Ahnen,

auf dem euer Kopf endlich ruhen wird.

Herzlichst,

Vijay