Der achtunddreißigste Newsletter (2026)

Liebe Freund*innen,
Grüße aus dem Büro von Tricontinental: Institute for Social Research.
Im Jahr 1960 veröffentlichte der US-amerikanische Ökonom Walt Whitman Rostow Stadien wirtschaftlichen Wachstums. Eine Alternative zur marxistischen Entwicklungstheorie. Der Untertitel verriet bereits den Zweck des Buches. Rostow beschrieb nicht bloß wirtschaftliche Entwicklung; er legte eine ideologische Waffe für den Kalten Krieg vor. Alle Gesellschaften, so argumentierte er, beschritten denselben Weg, beginnend mit der «traditionellen Gesellschaft», welche sich über die Phasen der «Voraussetzung für den Aufschwung», den «Aufschwung» und den «Weg zur Reife» bis hin zum «Zeitalter des Massenkonsums» entwickeln würde. Den Höhepunkt dieser Entwicklung verkörperten die Vereinigten Staaten selbst: Ihre sozialen, kulturellen und politischen Institutionen sollten als Vorbild für den Rest der Welt gelten. In Rostows Darstellung bedeutete Entwicklung, die Konsumgewohnheiten und institutionellen Formen des imperialistischen Westens nachzuahmen; Modernisierung bedeutete, kapitalistisch zu werden.
Rostows Theorie – und noch mehr die des aus St. Lucia stammenden Ökonomen Arthur Lewis – stellte «Tradition» in Gegensatz zu «Modernität». Die alte Welt musste beseitigt werden, damit die neue entstehen konnte. Kolonialismus kam in dieser Darstellung ebenso wenig vor wie Sklaverei, Plünderung, ungleicher Handel oder der organisierte Transfer von Reichtum aus Asien, Afrika und Lateinamerika nach Europa und Nordamerika. Den durch den Imperialismus verarmten Ländern wurde gesagt, ihre Armut sei auf ihre eigenen rückständigen Kulturen zurückzuführen. Sie brauchten weder Souveränität noch eine soziale Revolution; was sie brauchten, so wurde ihnen gesagt, seien ausländisches Kapital, westliche Expert*innen und Geduld.

In einem früheren Newsletter über unsere Traditionen haben wir die Vilefalt der Debatte um kulturelles Erbe innerhalb der radikalen Politik erörtert. In China war das Hauptproblem jedoch nicht Tradition an sich, sondern Demütigung. Vom Ersten Opiumkrieg (1839–1842) bis zum Triumph der chinesischen Revolution (1949) durchlebte China das, was als «Jahrhundert der Demütigung» in Erinnerung geblieben ist: dem Volk aufgezwungenes Opium, der Regierung auferlegte ungerechte Verträge, von ausländischen Mächten besetzte Gebiete, Häfen, die imperialen Monopolen unterworfen waren, und ein Land, das durch Kriegsherren, Besatzung und Bürgerkrieg zerrissen wurde. Als der Kapitalismus in China Einzug hielt, brachte er nicht mit Adam Smiths Der Wohlstand der Nationen (1776) mit, sondern Kanonenboote und Betäubungsmittel. Die Kräfte des Kapitalismus vereinigten weder das Land noch setzten sie Produktionskräfte frei. Stattdessen zerschlug der kapitalistische Imperialismus die chinesische Gesellschaft und stärkte Großgrundbesitzer*innen, Komprador*innen und Vermittler*innen ausländischen Kapitals.
Für das chinesische Volk bedeutete Modernisierung nicht die pauschale Ablehnung seiner eigenen Zivilisation oder den Eintritt in das «Vorzimmer» des Westens. Modernisierung bedeutete, der Demütigung ein Ende zu setzen, die Souveränität zurückzugewinnen, das Land zu vereinen, Hunger und Analphabetismus zu besiegen und die materiellen Voraussetzungen zu schaffen, um die Rückkehr der Kanonenboote zu verhindern. Nach dieser Logik konnte die chinesische Modernisierung nur mit der nationalen Befreiung beginnen und nur durch den Sozialismus voranschreiten.
Unser aktuelles Dossier Walking on Two Legs: The Socialism of Chinese Modernisation («Auf zwei Beinen gehen: Der Sozialismus der chinesischen Modernisierung») lenkt die Aufmerksamkeit auf die beiden untrennbaren Aufgaben, die sich die chinesische Revolution gestellt hatte: die Umgestaltung der sozialen Verhältnisse und die Entwicklung der Produktivkräfte. Ein armes Land konnte die Not nicht allein durch eine gerechtere Verteilung beseitigen – es bedurfte moderner Industrie, Wissenschaft, Technologie und Infrastruktur. Doch wie sollte China dieses Vorhaben angesichts der Falle des neokolonialen Systems verwirklichen? Konnte es dies tun, ohne grundlegende Fragen des Eigentums und der sozialen Emanzipation anzugehen? In unserem Dossier unterteilen wir die moderne chinesische Geschichte in drei Phasen: 1949 bis 1978, 1978 bis 2013 und 2013 bis heute.

1949 gehörte China zu den ärmsten Ländern der Welt: Die Lebenserwartung lag bei etwa fünfunddreißig Jahren, die Alphabetisierungsrate unter zwanzig Prozent, die industriellen Kapazitäten waren äußerst begrenzt, und auf dem Lande herrschten nach wie vor feudale Verhältnisse. Die ersten Schritte der Revolution waren daher sowohl sozialer als auch materieller Natur. Bis 1953 wurden im Rahmen der Landreform fast siebenundvierzig Millionen Hektar an etwa 300 Millionen landlose und landarme Bäuer*innen umverteilt. Die Ordnung der Großgrundbesitzer*innen wurde zerschlagen, doch es geschah noch etwas Tiefgreifenderes. Die Bäuer*innen erlebten fanshen (翻身) – wörtlich «sich umdrehen» oder «den Körper wenden», wobei es in der Sprache der Revolution bedeutete, die Knechtschaft abzuschütteln und als aktive Teilnehmer*innen an der nationalen Entwicklung aufrecht zu stehen. Die Modernisierung begann nicht mit einem Einkaufszentrum, sondern mit Land, Würde und dem Ende der Knechtschaft.
Massenkampagnen zur Alphabetisierung, öffentliche Gesundheitssysteme, Lesezimmer auf dem Land und das Programm der «Barfußärzt*innen» veränderten die Gesellschaft. Bis 1959 war die Alphabetisierungsrate auf 57 Prozent gestiegen; bis 1978 war die Lebenserwartung auf über 63 Jahre geklettert. Unterdessen schuf die sozialistische Planwirtschaft die Grundlagen für eine integrierte Industriewirtschaft: Stahlwerke, Kraftwerke, Automobil- und Traktorenfabriken, Eisenbahnen und Brücken. Diese Errungenschaften wurden unter Blockade, Sanktionen und ständiger Kriegsgefahr erzielt. Die Souveränität hatte eine materielle Grundlage erhalten, war aber noch immer wackelig.

Nach 1978 änderte die Politik der Reform und Öffnung ihre Taktik, ohne dabei die historische Ausrichtung aufzugeben. Deng Xiaopings Aussage, dass «Armut kein Sozialismus ist», brachte den Kern des Problems auf den Punkt. China nutzte Märkte und ausländisches Kapital unter staatlicher Führung, um seine Produktivkräfte zu entwickeln, gab jedoch die Schlüsselbereiche der Wirtschaft nicht auf. Die staatliche Kontrolle über das Bankwesen, die Energieversorgung, die Telekommunikation und den Verkehr ermöglichte es dem Staat, Investitionen zu lenken und zu verhindern, dass der Privatsektor die Gesellschaft diktierte. Der Markt wurde als Instrument genutzt, nicht als Selbstzweck.
Diese zweite Phase schuf immensen gesellschaftlichen Wohlstand und befreite zwischen 1978 und 2019 mehr als 765 Millionen Menschen aus der Armut. Doch sie brachte auch gravierende Widersprüche mit sich: Ungleichheit, Korruption, regionale Ungleichgewichte, Druck auf die Arbeitnehmer*innen und ökologische Zerstörung. Diese Widersprüche anzuerkennen bedeutet nicht, die Reformphase abzutun, genauso wenig wie die Anerkennung ihrer Errungenschaften erfordert, ihre Kosten zu verschleiern. Der sozialistische Aufbau ist keine im Voraus festgelegte gerade Linie, sondern ein Kampfprozess, in dem neue Fähigkeiten neue Widersprüche hervorbringen, die dann gelöst werden müssen.

Seit 2013 befindet sich China in einer dritten Phase, die sich an drei Konzepten orientiert: gemeinsamer Wohlstand, ökologische Zivilisation und hochwertige Entwicklung. Die Kampagne zur gezielten Armutsbekämpfung mobilisierte mehr als drei Millionen Kader der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh), um die verbleibenden Flecken extremer Armut zu erreichen und ein Mindesteinkommen, ausreichende Nahrung und Kleidung, Bildung, Gesundheitsversorgung, sicheres Wohnen, Trinkwasser, Strom und Transport zu gewährleisten. Anstatt darauf zu warten, dass der Wohlstand nach unten sickert, ging die Partei von Haushalt zu Haushalt, um Benachteiligungen zu identifizieren und zu beseitigen. Gleichzeitig ging die Partei gegen die Konzentration privater Macht vor, verschärfte die Regulierung von Technologiekonzernen, schränkte die Privatunterrichtsbranche ein und trat gegen Immobilienspekulationen auf – nach dem Grundsatz: «Häuser sind zum Wohnen da, nicht zur Spekulation.» China hat Kredite von spekulativen Aktivitäten weg und hin zu strategischen Industriezweigen, öffentlicher Infrastruktur und technologischer Entwicklung umgeleitet. Dabei handelt es sich nicht um geringfügige administrative Anpassungen; sie betreffen die grundlegende sozialistische Frage: ob das Kapital die Gesellschaft beherrscht oder die Gesellschaft das Kapital.
Der chinesische Präsident Xi Jinping hat die chinesische Modernisierung als «sozialistische Modernisierung unter der Führung der Kommunistischen Partei Chinas» beschrieben. Das Konzept der sozialistischen Modernisierung steht nicht im Widerspruch zu Tradition, sondern ermöglicht es China, aus seinem zivilisatorischen Erbe zu schöpfen, ohne sich entweder einer feudalen Hierarchie oder westlicher Kulturherrschaft zu unterwerfen. Tradition ist weder ein Museumsstück noch ein Hindernis, das es zu überwinden gilt; sie wird kritisch übernommen und in einen Dialog mit wissenschaftlicher Vernunft und sozialistischer Ethik gebracht.

Chinas Erinnerung an die Demütigung wird im Westen manchmal als psychologischer Groll angesehen, der vom Staat instrumentalisiert wird. Doch Demütigung ist nicht bloß ein Gefühl. Sie bezieht sich auf eine konkrete Situation: den Verlust der Souveränität, die Aneignung von Ressourcen, die Verweigerung technologischer Entwicklung und die Unterordnung der Zukunft eines Volkes unter eine ausländische Macht. Die heutigen Beschränkungen im Halbleiterbereich, Sanktionen, Handelsbarrieren und die militärische Einkreisung erinnern das chinesische Volk daran, dass der alte imperiale Wunsch, seine Entwicklung aufzuhalten, nicht verschwunden ist. Technologische Selbstständigkeit ist daher kein engstirniger Nationalismus, sondern die zeitgemäße Form der Verteidigung der Souveränität.
Chinas Weg lässt sich nicht einfach von anderen Ländern kopieren. Er basiert auf einer Revolution, die aus dem Bündnis zwischen Arbeiter*innen und Bäuer*innen entstand, und auf einer Partei, die in der Lage war, generationenübergreifend zu planen. Doch Chinas Geschichte wirft für den Globalen Süden eine dringende Frage auf: Kann es Modernisierung ohne Souveränität geben? Länder, die unter Auslandsverschuldung leiden, von Rohstoffexporten abhängig sind und denen die Kontrolle über Daten, Finanzen, Technologie, Energie und Verkehr entzogen wurde, sind zwar formal unabhängig, werden jedoch daran gehindert, über ihre Zukunft selbst zu bestimmen. Man gibt ihnen Rostows Leiter, aber es gibt keine Sprossen, auf denen sie emporklettern können.

Die chinesische Revolution hat nicht darauf gewartet, Rostows Leiter hochzuklettern; sie hat ihren eigenen Weg der Entwicklung eingeschlagen. Chinas Modernisierung sollte nicht am Umfang der Warenproduktion oder an der Zahl der Milliardär*innen gemessen werden; sie sollte daran gemessen werden, ob Bäuer*innen aufrecht stehen können, ob Kinder lesen können, ob die Menschen ein längeres und gesünderes Leben führen, ob Technologie den gesellschaftlichen Bedürfnissen dient, ob die Natur geschützt wird und ob eine Nation einem Imperium gegenübertreten kann, ohne den Kopf zu senken. Chinas Modernisierung ist keine Utopie; die Lösung jedes Problems hat neue Probleme hervorgebracht, denen man sich stellen muss. Der wahrhaftigste Prüfstein der chinesischen Modernisierung war vielleicht ihre Fähigkeit, sich an den Wandel der Zeit anzupassen und sich neuen Herausforderungen zu stellen. Wir behaupten nicht, dass die chinesische Gesellschaft keine Probleme habe, sondern dass ihr sozialistisches Projekt so organisiert ist, dass es Widersprüche erkennt, den Kurs ändert und darum ringt, sie zu lösen.
Chinas Modernisierungsweg zeigt, dass unterentwickelte Länder einen vom kapitalistischen Westen abweichenden Weg einschlagen und gleichzeitig ihre Souveränität verteidigen können. Die Lehre daraus ist nicht, dass China kopiert werden kann, sondern dass Modernisierung eine politische Organisation erfordert, die in der Lage ist, Souveränität in Planung, technologische Kapazitäten, soziale Wohlfahrt und kollektive Macht umzusetzen. Deshalb ist die Frage nach den politischen Parteien von Bedeutung. Es ist nicht möglich, Chinas Weg vollständig zu verstehen, ohne sein Parteiensystem, die Struktur der KPCh und ihre Beziehung zu anderen Parteien, zum Staat und zur Gesellschaft zu analysieren. Um diesen Weg aufmerksam zu verfolgen, lest unsere halbjährlich erscheinende Zeitschrift Wenhua Zongheng: A Journal of Contemporary Chinese Thought, die in Zusammenarbeit mit dem Global South Academic Forum (GSAF) herausgegeben wird.
Die GSAF-Konferenz 2026 findet vom 17. bis 18. Oktober in Pudong, Shanghai, unter dem Thema «Politische Parteien des Globalen Südens: Regierungsführung und Modernisierung» statt. Indem das Forum politische Parteien, soziale Bewegungen und akademische Einrichtungen aus dem gesamten Globalen Süden zusammenbringt, schafft es einen Raum, um Erfahrungen mit Regierungsführung und Modernisierung zu vergleichen und zu erörtern, wie Souveränität in Institutionen umgesetzt werden kann, die zu Planung, Entwicklung und Emanzipation fähig sind. Es geht darum, ob die Völker des Globalen Südens Modernisierung nach ihren eigenen Vorstellungen definieren können – nicht als Nachahmung, sondern als kollektive Gestaltung einer Zukunft jenseits der Abhängigkeit.
Herzlichst,
Vijay
