Der neununddreißigste Newsletter (2026)

Liebe Freund*innen,
Grüße aus dem Büro von Tricontinental: Institute for Social Research.
In den letzten zwei Jahren sind junge Menschen auf der ganzen Welt auf die Straße gegangen. Von Kenia bis Nepal, von Indonesien bis zu den Philippinen, von Madagaskar bis Marokko und Peru erheben sie sich und marschieren. Journalist*innen bezeichnen diese Bewegungen als «Gen Z»-Aufstände, als handele es sich um ein Marktsegment. Der Begriff beschreibt die Jugendlichkeit der Demonstrierenden, ihren sicheren Umgang mit digitalen Plattformen und ihre Ungeduld gegenüber etablierten politischen Institutionen. Doch er verschleiert mehr, als er über die Politik unserer Zeit offenbart.
Eine Generation ist keine Klasse – junge Menschen teilen keine gemeinsamen sozioökonomischen Erfahrungen. Darüber hinaus hat jeder dieser Aufstände seine eigene Geschichte. Im Juni 2024 wurden die Proteste in Kenia unmittelbar durch den Finanzgesetzentwurf ausgelöst, der die Lasten der Verschuldung und der Sparmaßnahmen auf die arbeitende Bevölkerung abwälzte. Im September 2025 verschärfte sich die Wut in Nepal über die Korruption und die Prahlerei der politischen Eliten, nachdem die Regierung versucht hatte, soziale Medien einzuschränken. Ab Ende September 2025 protestierten junge Menschen in Marokko gegen den Verfall des öffentlichen Gesundheits- und Bildungswesens, während riesige Summen in die Vorbereitungen für die FIFA-Weltmeisterschaft 2030 flossen. Im selben Monat begannen in Madagaskar Demonstrationen wegen der mangelnden Versorgung mit zuverlässigem Wasser und Strom. In Peru richteten sich die Proteste im September und Oktober 2025 gegen das politische Establishment, die organisierte Kriminalität und ein Rentensystem, das jungen Menschen Geld abnimmt, aber keine Sicherheit versprechen kann. Es handelt sich nicht um identische Aufstände, doch sie teilen eine gemeinsame Stimmung: Es gibt Geld für Stadien, aber nicht für Krankenhäuser; Geld, um ausländische Gläubiger zu bedienen, aber nicht, um junge Menschen in Arbeit zu bringen; Geld für die Polizei, aber nicht für Schulen.
Korruption ist das am häufigsten geäußerte Schlagwort, doch hinter der Korruption verbirgt sich eine Gesellschaftsordnung, die die Zukunft verspielt hat.

Die Piratenflagge aus dem japanischen Manga One Piece tauchte bei mehreren dieser Proteste auf. Es ist ein merkwürdiges Symbol: Der Manga handelt von einer Gruppe junger Menschen, die in See stechen, um einen Schatz zu finden, der von den Mächtigen monopolisiert wird, und sich dabei einer Weltregierung entgegenstellen, die sich zwar gesetzeskonform handelt, aber Gewalt ausübt. Die Flagge vermittelt kein politisches Programm, sondern drückt ein Gefühl aus: Die etablierte Welt ist betrügerisch, und es ist nötig, in ein Abenteuer zu stechen, das über diese Welt hinausführt. Junge Menschen scheinen zu sagen: «Lasst uns auf hoher See segeln, auf der Suche nach einer Zukunft, die nicht so hoffnungslos ist wie die Gegenwart!»
Die materielle Grundlage für dieses Gefühl wird im neuen Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) Global Employment Trends for Youth 2026: Back to the Future («Die globale Arbeitsmarktsituation für junge Menschen 2026: Zurück in die Zukunft») dargelegt. Nachdem die Arbeitslosenquote bei den 15- bis 24-Jährigen im Jahr 2023 auf den tiefsten Stand seit mehr als zwei Jahrzehnten gesunken war, stieg sie im Jahr 2025 auf 12,4 %. Das bedeutet, dass 67 Millionen junge Menschen aktiv nach Arbeit suchten, aber keine finden konnten. Die Jugendarbeitslosigkeit stieg zwischen 2023 und 2025 in acht der elf Subregionen der Welt an. Die Arbeitslosenquote gibt jedoch nur einen Teil der Realität wieder, da sie diejenigen nicht berücksichtigt, die die Suche aufgegeben haben. Aus diesem Grund ist die Kategorie «NEET» («Not in Employment, Education or Training») aufschlussreicher: junge Menschen, die «weder in Beschäftigung noch in Ausbildung oder Weiterbildung» sind. Im Jahr 2025 befanden sich mehr als 257 Millionen junge Menschen – jede*r Fünfte – in dieser Situation, neun Millionen mehr als im Jahr 2023.

Hinter diesem technischen Akronym verbergen sich Leben, die in der Schwebe hängen. Ein junger Mensch schließt die Schule ab, sucht monatelang nach Arbeit und muss feststellen, dass keine Arbeit verfügbar ist. Nachdem er die Suche aufgegeben hat, kehrt er schließlich in ein überfülltes Elternhaus zurück und verschiebt Heirat, Kinder und jegliches eigenständige Leben auf unbestimmte Zeit. Die Zeit vergeht, aber das Leben geht nicht voran. Die Belastung ist stark geschlechtsspezifisch geprägt. Mehr als zwei Drittel der jungen Menschen im NEET-Status sind Frauen. Die NEET-Quote bei jungen Frauen liegt bei 27,4 % und ist damit mehr als doppelt so hoch wie die Quote von 13,1 % bei jungen Männern. Das liegt nicht daran, dass es Frauen an Bildung mangelt, sondern daran, dass unbezahlte Betreuungsarbeit, Diskriminierung und der Mangel an menschenwürdigen Arbeitsplätzen sie aus dem Wirtschaftsleben verdrängen.
In den arabischen Staaten und Nordafrika befindet sich etwa ein Drittel aller jungen Menschen im NEET-Status. In Subsahara-Afrika scheint die offizielle Jugendarbeitslosigkeit mit 8,4 % niedriger zu sein. Dies ist jedoch eher ein Zeichen für durch Armut bedingte informelle Beschäftigung als für ein reichhaltiges Arbeitsangebot. Junge Menschen müssen jede informelle Arbeit annehmen, die sie finden können, oder sie sich selbst schaffen. Fast neun von zehn jungen Arbeitenden in Ländern mit niedrigem und unterem mittleren Einkommen arbeiten informell, ohne sinnvollen Sozial- und Beschäftigungsschutz. Vielen wurde gesagt, Bildung sei der Weg aus der Not. Sie nehmen Kredite auf, studieren, erwerben Qualifikationen und wandern manchmal aus, nur um dann auf das zu stoßen, was die ILO als «Aushöhlung» der Arbeitsplätze für mittelqualifizierte Arbeitskräfte bezeichnet. Unternehmer verlangen von Menschen, die ihren ersten Job suchen, Berufserfahrung, während künstliche Intelligenz einige der Einstiegsberufe bedroht, durch die diese Erfahrung einst gesammelt wurde. Bildung weckt Erwartungen, doch die Wirtschaft kann diese Erwartungen nicht erfüllen.

Es reicht nicht aus, die Desillusionierung der Jugend lediglich als eine von der politischen Ökonomie losgelöste Krise der psychischen Gesundheit zu beschreiben. Eine 2025 im Auftrag von UNICEF durchgeführte Umfrage unter mehr als 5.600 jungen Menschen ergab, dass sich sechs von zehn von den aktuellen Ereignissen überfordert fühlten, während nur die Hälfte wusste, wo sie Unterstützung für ihre psychische Gesundheit finden konnte. Dennoch gaben 60 % an, weiterhin hoffnungsvoll zu sein und eine bessere Zukunft mitgestalten zu wollen. Die Weltgesundheitsorganisation berichtet, dass weltweit jede*r Sechste unter Einsamkeit leidet, wobei die Quote bei den 13- bis 29-Jährigen auf 17–21 % steigt. Entgegen der landläufigen Meinung ist die Einsamkeit in Ländern mit niedrigem Einkommen am größten. Einsamkeit steht nicht nur mit Depressionen und Angstzuständen in Zusammenhang, sondern auch mit geringem Einkommen, unzureichender öffentlicher Infrastruktur und dem Ausschluss von Bildung und Beschäftigung.
Einsamkeit ist nicht einfach das Fehlen von Gemeinschaft; es ist das Gefühl, für die Gesellschaft entbehrlich zu sein. Der junge Mensch ist über ein Smartphone mit Tausenden von Menschen verbunden, aber von den Institutionen abgeschnitten, die ein würdiges Leben ermöglichen: dem Arbeitsplatz, der Gewerkschaft, dem Nachbarschaftsverein, dem Kulturzentrum und der politischen Organisation. Der Markt bietet Kommunikation ohne Gemeinschaft und Sichtbarkeit ohne Handlungsfähigkeit.

Diese Einsamkeit wird durch einen allgemeinen Zustand der Unsicherheit noch verstärkt. Selbst die Institutionen, die die Sprache des Kapitals sprechen, registrieren diese Instabilität. Der World Uncertainty Index erfasst Verweise auf «Unsicherheit» in Länderberichten der Economist Intelligence Unit, einem Forschungsdienst, der von Unternehmen, Finanzinstituten und Regierungen genutzt wird. Seine Spitzenwerte gehen mit Kriegen, Finanzkrisen, Pandemien, politischen Umbrüchen und Handelskonflikten einher – genau jenen Krisen, die das tägliche Leben für Millionen Menschen prekär machen.
Doch die vom Kapital gemessene Unsicherheit wird von der Arbeiterklasse ganz anders erlebt. Für Finanziers bedeutet Unsicherheit, dass eine Investition an Wert verlieren könnte, für eine*n junge*n Arbeiter*in hingegen bedeutet sie, nicht zu wissen, ob es im nächsten Monat Arbeit geben wird, ob die Miete bezahlt werden kann, ob Essen auf den Tisch kommt oder ob Krieg oder Klima das eigene Zuhause zerstören werden. Die herrschenden Klassen messen Unsicherheit, während sie sie gleichzeitig erzeugen.

Die sogenannten «Gen Z»-Aufstände sind der politische Einzug einer Generation, deren Zukunft verspielt wurde. Ihre Revolte ist noch kein organisiertes Projekt. Spontane Wut kann in Richtung Solidarität und sozialistischer Neugestaltung gehen oder sie kann von Zynismus, Chauvinismus und der extremen Rechten vereinnahmt werden. Die entscheidende Frage ist, ob dauerhafte Organisationen die Einsamkeit des Bildschirms in die Gemeinschaft des Kampfes verwandeln können.
Diese Aufstände wurden von einer Reihe von Dichter*innen und Performer*innen begleitet: Hamza Raid und El Mahdi Lyoubi aus Marokko, Eduardo Ruiz Sáenz aus Peru (der während der Proteste von 2025 von der Polizei getötet wurde) und Javan the Poet aus Kenia. Javans Gedicht «Killer Breed» («Mörderbande») aus dem Jahr 2019 fängt die Entschlossenheit der Jugend ein. Das Gedicht – verfasst in Sheng, Kenias städtischer Umgangssprache, die Kiswahili, Englisch und andere kenianische Sprachen vereint – handelt von der Gewalt, die ein widerspenstiger und zerstörerischer Staat den jungen Rebell*innen antut:
Bürger und das Gesetz: Da gibt es keine Liebe.
Land Cruiser werden zu Leichenwagen,
die Leichensäcke transportieren.
Die Waldflächen sind übersät mit Leichenteilen.
Keine Menschen, sondern Tiere
in den Augen der Killerkommandos.
Peng! Peng! Sie schießen,
ziehen die Kugeln aus den Kehlen.
Dann werden sie in den Medien bejubelt.
Es gibt kein Licht
am Ende des Tunnels;
der Tunnel wurde verschlossen.
Es gibt keine Veränderung für die Jugend:
Ihre Herzen wurden zum Stillstand gebracht.
Es gibt keine Gerechtigkeit:
Ihre Fälle ruhen seit Jahren.
Ich soll euch meinen Ausweis zeigen?
Während ihr eure Dienstnummer vor den Augenzeugen verbergt.
Am Tatort
verheimlicht ihr offen eure Identität.
Das bedeutet, dass ihr nicht im Recht seid.
Das System ist dunkel; es hat kein Licht.
Wir haben keine Waffen,
aber unsere Stimmen werden eure Macht herausfordern.
Denn du, und du, und du, und du:
Ihr seid keine Ordnungshüter.
Ihr seid eine Mörderbande.
Ihr seid eine Mörderbande.
Ihr seid eine Mörderbande.
Herzlichst,
Vijay
