Wettrüsten unter Partnern: Europa, USA und die neue NATO
Von Jörg Kronauer
10. September 2026

(Tim Rademacher, Wikimedia Commons)
Zum Autor: Jörg Kronauer ist ein deutscher Journalist und Autor. Seine inhaltlichen Schwerpunkte sind Neofaschismus und Internationale Politik. Er ist Redaktionsmitglied bei German Foreign Policy.
Die Welle der Militarisierung, die zur Zeit Europa unter sich zu begraben beginnt, hat historische Dimensionen. Nie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde der Kontinent in einem solchen Ausmaß militarisiert wie heute; und, damit zusammenhängend: Nie war die Kriegsgefahr so groß. Der Kampf gegen die beispiellose Militarisierung ist eine, wenn nicht sogar die zentrale Aufgabe, die sich allen fortschrittlichen Kräften gegenwärtig stellt. Die Hochrüstung Europas wird dabei geprägt von Rivalitäten nicht nur zwischen den USA sowie den europäischen Staaten, sondern auch von Rivalitäten innerhalb Europas, vor allem zwischen Deutschland und Frankreich. Ein sorgfältiger Blick auf diese Rivalitäten hilft zum einen, scheinbare Widersprüche in der aktuellen Militarisierung einzuordnen, zum anderen aber auch, größere Klarheit für eine Entwicklung von Gegenstrategien zu gewinnen.
Die Europäisierung der NATO
„Wir gestalten die Zukunft: ein stärkeres Europa in einer stärkeren NATO“: So lautete eine der zentralen Aussagen in der Abschlusserklärung des NATO-Gipfels vom 7./8. August 2026 in Ankara. Das Dokument war wie schon im Vorjahr aufgrund der Spannungen zwischen der Trump-Administration und dem Rest des Bündnisses sehr knapp ausgefallen. Es enthielt insbesondere ein Bekenntnis zur Beistandsklausel des Bündnisses in Artikel 5 des Nordatlantikvertrags und ein weiteres zur Unterstützung der Ukraine; beides war vor allem den europäischen NATO-Staaten wegen der demonstrativen Sprunghaftigkeit der USA unter Präsident Donald Trump besonders wichtig gewesen. Daneben gab es die Ankündigung, in Zukunft an der Aufrüstung festzuhalten, ja, sie sogar noch stärker auszubauen. Und daneben stand, wie erwähnt, der offene Hinweis, die Staaten Europas würden ihre Aktivitäten in der Allianz in Zukunft ausweiten: „Die europäischen Verbündeten und Kanada übernehmen größere Verantwortung für die Verteidigung des Bündnisses“, wenn auch in enger „Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten“.((The Ankara Summit Declaration. nato.int 08.07.2026. https://www.nato.int/en/about-us/official-texts-and-resources/official-texts/2026/07/08/the-ankara-summit-declaration.))
Darüber, dass die NATO-Staaten Europas eine stärkere Rolle im Bündnis einnehmen sollen, herrscht seltene Einigkeit zwischen ihnen und den USA. Allerdings haben beide Seiten dabei unterschiedliche Motive. Die Vereinigten Staaten wollen sich militärisch nicht mehr auf das ökonomisch und politisch absteigende Europa konzentrieren, sondern vor allem auf ihren historischen Machtkampf gegen China und, in Verbindung damit, auf die Wiederherstellung ihrer militärischen Kontrolle über ihr unmittelbares geografisches Umfeld, die „Westliche Hemisphäre“ bzw. Lateinamerika und die Karibik, aus der sie chinesischen – und russischen – Einfluss so weit wie möglich abdrängen wollen. In Washington ist zuweilen von einer NATO 3.0 die Rede. Habe das transatlantische Bündnis sich im Kalten Krieg auf den Kampf gegen die Sowjetunion konzentriert (NATO 1.0) und ab 1990 vor allem Einsätze jenseits des Bündnisgebiets in den Blick genommen (NATO 2.0), so stehe mit der Umorientierung der US-Streitkräfte auf die Asien-Pazifik-Region und auf Lateinamerika und die Karibik – letzteres mit der Operation Southern Spear – nun die nächste Transformation des Bündnisses bevor. In der NATO 3.0 müsse Europa sich eigenständig um eine Eindämmung Russlands kümmern.((Vgl. z.B.: Remarks by Under Secretary of War for Policy Elbridge Colby at the NATO Defense Ministerial (As Prepared). war.gov 12.02.2026. https://www.war.gov/News/Speeches/Speech/Article/4404801/remarks-by-under-secretary-of-war-for-policy-elbridge-colby-at-the-nato-defense/.))
Die Motive in Europa sind andere, und sie sind nicht überall auf dem Kontinent identisch. Alle europäischen NATO-Staaten teilen die Einschätzung, auf die Trump-Administration sei kein Verlass; es sei daher notwendig, zumindest Pläne für den Fall zu schmieden, dass die USA entweder verbündete Länder im Kriegsfall nicht unterstützten oder sich sogar ganz aus der Allianz zurückzögen. Seit Trump offen damit drohte, Grönland zu überfallen und es sogar zu annektieren, kommt vor allem bei den nordischen NATO-Mitgliedern noch die Ansicht hinzu, man müsse im Extremfall nicht nur ohne die USA, sondern sogar gegen sie militärisch handlungsfähig sein. In Ansätzen wurden derartige Überlegungen bereits in Trumps erster Amtszeit angestellt. Schon 2017 war davon die Rede, man wolle „den europäischen Pfeiler“ der NATO stärken, wie es exemplarisch etwa der stellvertretende Leiter der Abteilung Politik im deutschen Verteidigungsministerium, Rüdiger Huth, formulierte.((Saskia Gamradt: Nato bleibt transatlantisch, aber stärkt ihre europäischen Pfeiler. kas.de 23.11.2017. https://www.kas.de/de/veranstaltungsberichte/detail/-/content/nato-bleibt-transatlantisch-aber-staerkt-ihre-europaeischen-pfeiler1 .)) Huth äußerte dies auch mit Blick auf die Bestrebungen der EU, eigenständig militärisch handlungsfähig zu werden – etwa mit einer „EU-Armee“. Damit waren einige besonders US-nahe EU-Staaten – Polen etwa, die baltischen Länder – nicht wirklich glücklich. Einen starken „europäischen Pfeiler“ der NATO zu schaffen, das war für alle Beteiligten in Europa ein gemeinsamer Nenner für die Praxis – auch für die, die im EU-Rahmen auf lange Sicht von den USA unabhängig werden wollten, aber bereit waren, vorläufig halt in der NATO aufzurüsten.
Die „Europäisierung der NATO“ gewann Ende 2025 an Fahrt. Einige Bündnisstaaten hatten schon zu Jahresbeginn, kurz nach Trumps Amtsantritt, angefangen, detaillierte Überlegungen dazu anzustellen. Im Spätherbst aber schloss sich laut einem Bericht des Wall Street Journal Deutschland an, und damit kam Schwung in die Sache.((Bojan Pancevski, Daniel Michaels: Europe Is Accelerating a NATO Fallback Plan in Case Trump Pulls Out. wsj.com 14.04.2026. https://www.wsj.com/world/europe/europe-nato-trump-plans-3a423233 .)) „Die Herausforderung ist enorm“, hieß es im Wall Street Journal unter Bezug auf Insider: Die gesamte NATO-Struktur sei „auf nahezu allen Ebenen“ um die Führungsmacht USA herum errichtet worden; dies gelte für Truppen und Ausrüstung genauso wie für die Bündnisinfrastruktur und für das militärische Führungspersonal. Im Hinblick darauf würden seit Ende 2025 teils ganz konkrete Fragen aufgeworfen: Wer könne eigentlich bei einem partiellen oder sogar kompletten Rückzug der USA aus der NATO deren Flugabwehr übernehmen? Wer könne die Logistik regeln, falls die US-Administration die bisher zuständigen US-Offiziere abziehe? Und selbstverständlich stellte sich auch die Frage der Hard- und der Software: Was eigentlich, wenn Elon Musk den Staaten Europas mitten in einem Krieg Starlink abschaltet, wie er es erst mit der Ukraine, dann mit Russland tat?
Die Arbeit an Antworten auf diese und andere Fragen hat begonnen. Gelegentlich findet sie weit unterhalb der Schwelle zur öffentlichen Wahrnehmung statt. So achten die europäischen NATO-Staaten mittlerweile darauf, die Zahl der NATO-Manöver zu erhöhen, die entweder unter alleiniger europäischer Führung durchgeführt werden oder sogar unter ausschließlicher Beteiligung europäischer Truppen. Anfang 2025 startete eine NATO-Manöverserie namens Steadfast Dart, bei der das Zusammenziehen des schnellen Eingreifverbandes der NATO, der Allied Reaction Force (ARF), und seine Verlegung an einen potenziellen Kriegsschauplatz in Ost- oder Südosteuropa geprobt wird; an den jährlich wiederholten Großübungen mit rund 10.000 Militärs beteiligt sich jeweils kein einziger US-Soldat. Bei Steadfast Dart 2026 hatte Deutschland eine führende Stellung inne; das offenbare das Ausmaß, hieß es in einem US-Kommentar, in dem Berlin in Europa militärisch zentral werde.((Christopher F. Schuetze: NATO Is Having a Military Exercise. The U.S., Its Largest Member, Won’t Be There. nytimes.com 29.01.2026. https://www.nytimes.com/2026/01/29/world/europe/nato-military-exercise-spain-germany.html .)) Nebenbei: Die Planung für Steadfast Dart begann bereits während der Amtszeit von US-Präsident Joe Biden. Das belegt: Die Orientierung auf eine Art NATO 3.0 ist keine Erfindung der Trump-Administration; sie reicht zeitlich weiter zurück, und sie ist politisch erheblich tiefer verankert als nur in den Launen des Immobilien- und inzwischen auch Kryptooligarchen im Weißen Haus.
Weithin wahrgenommen wurden allerdings weitere Schritte zur „Europäisierung“ der NATO. Im Februar 2026 teilte das Bündnis mit, seine zweite militärische Führungsebene werde in Zukunft komplett von Europäern gestellt; so sollten nicht mehr nur das Joint Force Command in Brunssum in den Niederlanden, sondern auch das Joint Force Command in Neapel und das Joint Force Command in Norfolk im US-Bundesstaat Virginia von europäischen Offizieren geführt werden. Lediglich den Posten des NATO-Oberbefehlshabers in Europa, des SACEUR (Supreme Allied Commander Europe) mit Sitz in Mons südwestlich von Brüssel, verlangten die Vereinigten Staaten weiterhin für sich.((European Allies to take on new leadership roles in NATO’s Command Structure. nato.int 06.02.2026. https://www.nato.int/en/news-and-events/articles/news/2026/02/06/european-allies-to-take-on-new-leadership-roles-in-natos-command-structure .)) Anfang Juni folgte der nächste Schritt; die Trump-Administration kündigte an, umfangreiche Luftwaffen- und Marineeinheiten aus den NATO-Strukturen „auszumelden“, wie es im Bündnisjargon heißt. Auf sie würde die Allianz im Ernstfall nicht mehr zurückgreifen können – und das hieß: Europäische NATO-Staaten hatten Ersatz bereitzustellen. Dies gelang sogar kurzfristig; noch vor dem NATO-Gipfel in Ankara meldete der SACEUR, US-General Alexus Grynkewich, man habe alle Lücken „weitgehend“ geschlossen, „und auf den wenigen Feldern“, auf denen in Europa „Ersatzfähigkeiten“ noch fehlten, bemühe man sich „um alternative Lösungen mit gleichwertiger Wirkung“.((Sabine Siebold: Europeans fill most gaps left by US in NATO defence plans, top commander says. reuters.com 01.07.2026. https://www.reuters.com/business/aerospace-defense/europeans-fill-almost-all-gaps-left-by-us-nato-defence-plans-source-says-2026-07-01/.))
Zwar blieben Zweifel. Was, wenn das alles nicht schnell genug ging? Was, wenn etwa US-Präsident Trump in Kürze beschloss, Grönland zu überfallen, und die „europäische NATO“ noch nicht über hinlängliche eigene Strukturen verfügte, um unabhängig operieren zu können? Besonders in Nordeuropa sowie im Baltikum begann die Debatte über einen „Plan B“. Immer wieder wurde dabei auf die Joint Expeditionary Force (JEF) verwiesen, eine Schnelle Eingreiftruppe, die 2014 von Großbritannien gegründet worden war, von London geführt wurde und inzwischen zehn NATO-Staaten umfasste – außer Großbritannien selbst die nordischen und die baltischen Staaten sowie die Niederlande; sie verfügte in Northwood im Nordwesten der britischen Hauptstadt über ein festes Hauptquartier mit unabhängiger Struktur und konnte jederzeit eigenständig operieren. Die JEF sei „die etablierteste aller Alternativen“, wurde im Mai 2026 Edward Arnold, ein Experte des Royal United Services Institute (RUSI), zitiert.((Europe’s secret plan B to replace NATO. economist.com 19.05.2026. https://www.economist.com/europe/2026/05/19/europes-secret-plan-b-to-replace-nato)) Die Hauptanstrengung in Europa richtete sich allerdings weiterhin darauf, die NATO-Strukturen selbst so weit wie möglich zu übernehmen. Dabei tue sich insbesondere Deutschland hervor, erklärte im April ein hochrangiger Pentagon-Funktionär; die neue deutsche Militärstrategie etwa – sie fordert ganz unverbrämt eine „europäische Führungsrolle“ für die Bundeswehr ein – sei „ein klarer, glaubwürdiger Weg hin zur NATO 3.0“.((Under Secretary of War Elbridge Colby am 24. April 2026 auf X.)) Das Pentagon werde „insbesondere Deutschland“ auf diesem Weg unterstützen.
Europas Kampf um Rüstungsautonomie
Entstand da eine „europäische NATO“ unter deutscher Führung? Das jedenfalls war das Ziel, das sich Äußerungen von Bundeskanzler Friedrich Merz wie auch der erwähnten deutschen Militärstrategie entnehmen ließ. Merz hatte in seiner ersten Regierungserklärung nach seiner Wahl zum Bundeskanzler am 14. Mai 2025 im Bundestag angekündigt, „die Stärkung der Bundeswehr“ stehe für Berlin jetzt „an erster Stelle“: „Die Bundesregierung wird zukünftig alle finanziellen Mittel zur Verfügung stellen, die die Bundeswehr braucht, um zur konventionell stärksten Armee Europas zu werden.“ Das sei „dem bevölkerungsreichsten und wirtschaftsstärksten Land Europas auch mehr als angemessen“.((Regierungserklärung von Bundeskanzler Friedrich Merz zur neuen Bundesregierung vor dem Deutschen Bundestag am 14. Mai 2025 in Berlin. https://www.bundesregierung.de/breg-de/suche/regierungserklaerung-von-bundeskanzler-friedrich-merz-2347888.)) In der Militärstrategie – der ersten der Bundesrepublik überhaupt –, die das Verteidigungsministerium am 22. April 2026 präsentierte, heißt es ebenfalls, die Bundeswehr solle bis 2039 „zur stärksten konventionellen Armee in Europa“ werden; durch „konsequente Nutzung innovativer Technologien“ solle sie auch „technologisch überlegen“ sein.((Gesamtkonzeption militärische Verteidigung. Militärstrategie und Plan für die Streitkräfte. Bonn, April 2026.)) In der Militärstrategie war darüber hinaus von künftig „460.000 kampfbereiten Soldatinnen und Soldaten“ die Rede. Da dies den Zwei-plus-Vier-Vertrag von 1990 bräche, splittete das Dokument die Gesamtzahl auf 260.000 reguläre Soldaten und 200.000 Reservisten auf. Gelingt der Aufwuchs, dann hätten in Europa bloß die Türkei und eventuell Polen mehr Soldaten. Deutschlands Hauptrivale Frankreich kommt zur Zeit auf gut 200.000 plus knapp 50.000 Reservisten. Sein Aufwuchspotenzial ist begrenzt.
Das liegt vor allem daran, dass Paris nicht mit den wahnwitzigen deutschen Militärausgaben mithalten kann. Unmittelbar vor der Eskalation des Ukraine-Konflikts, im Jahr 2013, lag der deutsche Militärhaushalt bei 32,8 Milliarden Euro, der französische bei 31,4 Milliarden: Die Differenz war vernachlässigbar. Bis 2021 war das deutsche Wehrbudget fast um die Hälfte auf 47,2 Milliarden Euro gestiegen, das französische hingegen bloß auf 39,2 Milliarden: Die Differenz begann zu wachsen. Ab 2022, erneut gesteigert ab 2025 kamen in Deutschland zur rasanten Aufstockung des Militäretats auch noch allerlei Extraschulden („Sondervermögen“) hinzu. Alles zusammengerechnet gab die Bundesregierung 2026 mehr als 108 Milliarden Euro für die Bundeswehr aus; für 2028 waren fast 154 Milliarden, für 2030 annähernd 184 Milliarden Euro geplant. Das war möglich, weil Deutschland – Schuldenstand 2025: 63,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) – sich gigantisch verschulden konnte; von 2027 bis 2030 war eine Gesamtneuverschuldung von 838 Milliarden Euro geplant.((Anne-Sylvaine Chassany: Germany to borrow €800bn for rearmament in historic shift. ft.com 06.07.2026. https://www.ft.com/content/72878c3e-a4c6-4e4d-86c1-6df11593e4ac?syn-25a6b1a6=1 .)) Frankreich, das 2025 bereits mit 115,6 Prozent seines BIP verschuldet war, hatte nicht die Möglichkeit dazu. Sein Militäretat lag 2026 bei rund 57 Milliarden Euro und sollte 2030 rund 76 Milliarden Euro erreichen. Ähnlich Großbritannien, das 2025 mit 95,5 Prozent seines BIP verschuldet war: Es wollte sein Wehrbudget von 54 Milliarden Pfund im Jahr 2024 (64 Milliarden Euro) auf 80 Milliarden Pfund 2029 aufstocken – nach aktuellem Kurs 94 Milliarden Euro. Mehr war nicht drin.
Mit einem Militärhaushalt, der gegen Ende des Jahrzehnts fast doppelt so hoch wie der britische und fast zweieinhalb mal so hoch wie der französische sein dürfte, hat Deutschland zweifelsohne die Mittel, die Bundeswehr mit einer gewaltigen Hochrüstung zu den stärksten konventionellen Streitkräften Europas werden zu lassen. Berlin legt in der Tat mit aller Kraft los. Ein paar Beispiele: Im Oktober 2025 etwa teilte Verteidigungsminister Boris Pistorius mit, die Bundeswehr werde in den nächsten Jahren alleine Drohnen für rund zehn Milliarden Euro erhalten. Im Dezember 2025 bestellte die Bundeswehr Schützenpanzer des Typs Puma für 4,2 Milliarden Euro. Das Bundeswehrbudget für das Jahr 2026 sah den Erwerb von Munition für 12,7 Milliarden Euro vor. Rund zwölf Milliarden Euro betrug der Preis für acht Fregatten des Modells MEKO A-200, deren Kauf die Bundesregierung im Sommer 2026 in Aussicht stellte. Hinzu kamen mindestens 26 Milliarden Euro für eine neu zu entwickelnde High-Tech-Fregatte, die F127. Das sind nur Beispiele für viele Rüstungsprojekte mehr.
Für die strategische Ausrichtung der Bundeswehr ist aufschlussreich, wo Berlin die Waffen kauft und wie die Lieferketten strukturiert sind. Die Bundeswehr wird weiterhin auch mit US-Rüstungsgütern ausgestattet. Beispiele: Merz teilte in seiner Regierungserklärung vom 9. Juli 2026 mit, Deutschland werde Tomahawk-Marschflugkörper kaufen. Die Bundeswehr wird zudem für die „nukleare Teilhabe“ Kampfjets vom Typ F-35 erwerben. Ein Detail: Die neue Fregatte F127 soll zur Flugabwehr mit Raketen des Typs Standard Missile und dem Radar SPY-6 ausgestattet werden; beides wird vom US-Konzern RTX (Ex-Raytheon) gefertigt. Der Grund für Letzteres: Ein echtes europäisches Äquivalent dazu existiert noch nicht. Allerdings heißt es bereits, mittel- bis längerfristig könne etwa die Iris-T-Abwehrraketenfamilie von Diehl Defence aus Deutschland Abhilfe schaffen; die US-Waffensysteme wären demnach nur eine Übergangslösung. Das ist auch bei den Tomahawks der Fall; längst sind europäische Marschflugkörper – deutsch-britische, eventuell auch deutsch-französische – in Planung. Die Bundesregierung kauft US-Systeme also vor allem, um Lücken zu überbrücken, bis sie, so die Hoffnung, sie durch europäische Systeme ersetzen kann.
Dass die Hoffnung sich erfüllt, darauf arbeitet etwa eine einflussreiche Expertengruppe hin, die dazu seit Anfang 2025 Konzepte entwirft; das bislang jüngste wurde im Mai 2026 unter dem Titel „Sparta 2.0“ vorgelegt. Zu den Autoren gehören Thomas Enders, lange Zeit Airbus-Chef, seit 2019 Präsident der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP); René Obermann, Ex-Telekom-Chef, Chairman of the Board of Directors bei Airbus, Mitglied im Aufsichtsrat des Softwarekonzerns SAP; Jeanette zu Fürstenberg, eine einflussreiche Figur in der Szene deutscher Startup-Investoren; Moritz Schularick, Ökonom, Präsident des Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW). Sparta 2.0 hält trocken fest, aktuell sei „kein europäischer Kampfeinsatz“ ohne US-Systeme und deren Freigabe aus Washington denkbar. Allerdings sei es möglich, innerhalb von fünf bis zehn Jahren der Abhängigkeit durch Entwicklung und Produktion eigener europäischer Systeme zu entkommen. Man benötige dafür 500 Milliarden Euro, und man solle zunächst zehn zentrale „Fähigkeitslücken“ füllen – durch die Fertigung etwa europäischer Drohnen, europäischer Flugabwehrsysteme, europäischer Satelliten und Satellitenkonstellationen. Der Weg zu „Verteidigungsautonomie“, sprich: zur Unabhängigkeit von den USA, führe dabei über „den Einsatz der finanziellen und industriellen Ressourcen Deutschlands“.((Der Weg zu europäischer Verteidigungsautonomie: Ein Leitfaden zur Überwindung kritischer Abhängigkeiten. Mai 2026. kielinstitut.de. https://www.kielinstitut.de/fileadmin/Dateiverwaltung/Media/Images/News_Press_Releases/2026/Der_Weg_zu_europ%C3%A4ischer_Verteidigungsautonomie__Ein_Leitfaden_zur_%C3%9Cberwindung_kritischer_Abh%C3%A4ngigkeiten.pdf))
An der rüstungsindustriellen Unabhänigkeit von den USA wird längst gearbeitet. Stichwort Drohnen: Startups, die sie produzieren, schießen in mehreren europäischen Ländern aus dem Boden. Früh und – bislang – erfolgreich waren deutsche Startups mit dabei. Bekanntestes Beispiel ist Helsing, teuerstes deutsches Startup, im Juli 2026 mit einer Neubewertung von 18 Milliarden US-Dollar zum teuersten europäischen Rüstungsstartup aufgestiegen. Helsing hat schon sehr früh Drohnen in die Ukraine geliefert, konnte – wie andere deutsche Drohnen-Startups – stets Fronterfahrungen auswerten und ist entsprechend gut aufgestellt. Die Firma orientiert auf den Bau von „Resilience Factories“: „hocheffiziente Produktionsanlagen“, wie es auf der Website des Unternehmens heißt, „die Nationalstaaten eine lokale und souveräne Fertigung ermöglichen“.((Helsing produziert weitere 6000 Kampfdrohnen für die Ukraine. helsing.ai 13.02.2025. https://helsing.ai/de/newsroom/helsing-produziert-weitere-6000-kampfdrohnen-fuer-die-ukraine)) Auf US-Bauteile zu verzichten und, wenn nur irgend möglich, deutsche Bauteile zu verwenden – dies ist ein Leitmotiv der deutschen Branche. Was bislang noch nicht gelingt, ist, finanziell von US-Investoren unabhängig zu werden. In Europa und vor allem auch in Deutschland sind Wagniskapitalgeber bislang schwach aufgestellt. Dies ist der Grund, weshalb deutsche Rüstungsstartups immer wieder Geld aus den USA annehmen. Allerdings heißt es gewöhnlich, man achte darauf, dass US-Investoren keinen echten Einfluss erlangen. Zudem werden seit geraumer Zeit die Bemühungen verstärkt, Wagniskapital aus Europa gezielt zu fördern.
Formiert sich da also nun Europa gegen die USA? Ja und nein. Ja, denn die Zahl europäischer Projekte nimmt tatsächlich zu; Deutschland und Norwegen etwa bauen gemeinsam U-Boote, Deutschland und Großbritannien entwickeln gemeinsam weitreichende Waffen – Marschflugkörper oder Hyperschallraketen, das ist noch nicht wirklich klar. Nein, denn hinter dem PR-Wort „europäisch“ verbergen sich oft alte Differenzen zwischen den Hauptmächten des europäischen Kontinents. Ein Beispiel: Die EU hat 2022 beschlossen, ein „europäisches Starlink“ zu entwickeln, um der Abhängigkeit von Elon Musks SpaceX zu entkommen. Dazu hat sie ein Projekt namens IRIS2 gestartet. Nicht zuletzt die traditionell starken französische Raumfahrtkonzerne erhoffen sich Vorteile davon; Airbus – der Raumfahrtschwerpunkt des deutsch-französischen Konzerns liegt klar in Frankreich –, Thales (Frankreich) und Leonardo (Italien) haben auch mit Blick darauf im Jahr 2025 eigens das Satelliten-Joint Venture Project Bromo gegründet. 2026 begann die Bundesregierung, ein „deutsches Starlink“ zu schaffen, finanziert aus den 35 Milliarden Euro, die Berlin für die militärische Raumfahrt bereitstellen will, entwickelt vom Satellitenkonzern OHB aus Bremen und von Rheinmetall. Zur Zeit sieht es so aus, dass das „deutsche Starlink“ das „europäische Starlink“ verdrängt.((Thomas Jahn, Roman Tyborski, Markus Fasse: „Starlink für die Bundeswehr“ – Rheinmetall will Airbus ausstechen. handelsblatt.com 26.01.2026. https://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/ruestung-starlink-fuer-die-bundeswehr-rheinmetall-will-airbus-ausstechen/100193946.html)) Dass Berlin die französische Rüstungsindustrie – den Hauptrivalen der deutschen – torpediert, hat System; man denke an das von Deutschland gecancelte deutsch-französische Kampfjetvorhaben FCAS.
Rivalitäten zwischen den Imperialismen
In der Summe zeigt sich: Die „Europäisierung“ der NATO ist in vollem Gang. Die USA suchen Entlastung in Europa, um den Rücken für militärische Aktivitäten in Lateinamerika und in der Asien-Pazifik-Region – gegen China – freizubekommen. Die Staaten Europas sind um Unabhängigkeit von den USA bemüht, um – siehe etwa Grönland – im Notfall jederzeit eigenständig handlungsfähig zu sein. Der zentrale Knackpunkt bei der Antwort auf die Frage, ob ihnen dies gelingt, dürfte das Streben sein, eine eigenständige europäische Technologie zu entwickeln. Schaffen die Staaten Europas es, nicht nur Panzer und Munition, sondern etwa auch Drohnen, Flugabwehrraketen, Marschflugkörper und Satellitenkonstellationen zu entwickeln, die ohne US-Technologie auskommen, dann können ihre herrschenden Klassen militärische Unabhängigkeit von den USA erlangen, eventuell im Rahmen der „europäischen NATO“. Es bleibt dann allerdings noch die Frage, ob sie, sagen wir, ein „europäisches“ oder ein „deutsches Starlink“ beschaffen; die erbitterte Rivalität zwischen den herrschenden Klassen Deutschlands und Frankreichs überschattet das Bemühen um Unabhängigkeit von den USA. Ob sich Berlin oder Paris dabei durchsetzt, das entscheidet über das Ausmaß, in dem Deutschland Europa künftig nicht mehr nur ökonomisch und politisch, sondern auch rüstungsindustriell und militärisch dominiert.
